Kalltalgemeinschaft 1919-1921

Siedlungsexperiment der Kölner Progressiven in Simonskall/Eifel   
  

Der 1. Weltkrieg war gerade vorbei, im Deutschen Reich herrschten noch vielerorts revolutionäre Zustände, der Versailler Vertrag noch nicht unterzeichnet, da machten sich im Frühjahr 1919 junge Menschen aus der Großstadt Köln auf, um in der Einsamkeit der Nordeifel ihren ganz persönlichen Weg für die Zukunft zu finden. Gemeint ist der Aufenthalt mehrere junger Künstler aus dem Kölner Raum in Simonskall von 1919 bis 1921, einem aus fünf Häusern bestehenden, idyllisch gelegenen Eifelweiler im Tal der Kall, einem Seitental der Rur. Die Gruppe entstand aus dem Freundeskreis um den Kölner Publizisten und Kunsthistoriker Carl Oskar Jatho (1884 – 1971) — Sohn des bekannten evangelischen Theologen Carl Jatho — und seiner Frau Käthe Jatho-Zimmermann (1891 – 1989), die unter dem Pseudonym Karl Zimmermann seit 1913 als Schriftstellerin tätig war. Carl Oskar Jatho selbst wurde im Herbst 1916 krank aus dem Heeresdienst entlassen und nutzte mit seiner Frau die Zeit, um in ihrer Dachgeschosswohnung Moltkestraße 8 in Köln Gleichgesinnte alle 14 Tage zu Vorträgen über philosophische, literarische und kunsthistorische Themen einzuladen. Sie kündigten ihr Vortragsprogramm bei verschiedenen Kölner Buchhändlern an und es bildete sich schnell ein Zirkel von Opponenten und Kriegsgegnern heraus, die zu diesen Zusammenkünften erschienen.

 

Auf einer dieser Veranstaltungen 1916 lernten die Jathos auch ihren späteren Mit-Siedler im Kalltal kennen, nämlich Franz Wilhelm Seiwert.

 

Es ist davon auszugehen, dass in diesem Kreis der Jathos viele der Kölner Intellektuellen verkehrten, die von Winter 1916 bis Herbst 1918 nicht ständig an der Front waren. In der Literatur werden Namen genannt, wie z.B.: Mathilde von Mevissen, Hans Schweickart, Aribert Wäscher, Otto Freundlich, Genya und Beyka Gusik, Walter Stern, Hans Schmitz, Johannes T. Kuhlmann, Hans Hansen, Peter Abelen sowie Arthur Wachsberger, Irene Mermet (Lebensgefährtin von Ret Marut), Franz Nitsche, u.v.m.

 

Allesamt rheinische Kunstschaffende und -freunde, welche sich von 1914 bis 1919 in den unterschiedlichsten progressiven Kölner Gruppen und Vereinigungen bewegten; wie z.B. dem Gereonsclub, in Karl Nierendorfs „Gesellschaft der Künste“, dem „Strom“, der „Schöpfung“, „Bulletin D“, „Stupid“ und „Dada Köln“. Aus dieser Personengruppe taucht jedoch ein Name auf, der biographisch nicht direkt dem Kölner Umfeld zuzuordnen ist, zumal er neben dem Graphiker und späteren „Kölner Progressiven“ Franz Wilhelm Seiwert (1894 – 1933) zu einem der vier Autoren der „Kalltalpresse“ geworden ist. Es handelt sich um den Leipziger Maler und Bühnenbildner Franz Nitsche (1887 – 1952). Seine Verbindung zu den Jathos und zur Kölner Kunstszene entstand durch den 1916 im Krieg gefallenen Bruder Carl Jathos, Heinz Jatho. Heinz Jatho, seit 1914 am Leipziger Schauspielhaus tätig, war ein enger Freund Franz Nitsches, mit dem er sich sogar in Leipzig eine gemeinsame Wohnung teilte. Sein Aufenthalt in diesem Kreis während des letzten Fronturlaubs ist konkret für den Sommer 1918 nachgewiesen.

 

Aus diesem ausschließlich auf der Initiative der Jathos basierenden Aktionskreis entstand im Frühjahr 1919 in Simonskall, einem kleinen Ort in der heutigen Gemeinde Hürtgenwald, die sogenannte Kalltalgemeinschaft, welche ihren Namen von dem Tal und dem gleichlautenden Fluss ableitet.

Simonskall 1916
Junkerhaus 1929

Von allen erwähnten Personen ist jedoch nur bei Carl Oskar Jatho, seiner Frau Käthe Jatho Zimmermann und Franz Wilhelm Seiwert definitiv gesichert, dass sie von 1919 bis 1921 im Kalltal in einer Art Siedlungsgemeinschaft verbrachten. In Bezug auf Seiwert weiß man, dass er spätestens Ende des Jahres 1919 Simonskall verlassen hat und nach Köln zurückkehrte. Bei allen weiteren Mitgliedern des Freundeskreises ist davon auszugehen, dass ihr Aufenthalt entweder zeitlich begrenzt war oder nur einfachen Besuchscharakter besaß. Für Angelika und Heinrich Hoerle, Otto Freundlich, Irene Mermet und Ret Marut (B. Traven) gilt der Aufenthalt 1919 in Simonskall als gesichert. Bei Anton Räderscheidt und Marta Hegemann gilt er aufgrund der gemeinsamen Gruppenmitgliedschaft mit Seiwert in Stupid D am Hildeboldplatz  sowie deren Beteiligung an der Herausgabe von Band 9 der Kalltalpresse „Klänge des Evangeliums Johannis“, 1919 (Aufdruck auf der Rückseite links oben) als sehr wahrscheinlich; des weiteren durch die Erinnerungen von Sohn Johannes Räderscheidt (Quelle: Maf Räderscheidt) sowie der Simonskaller Zeitzeugen Hedwig Georgi und Elli Renardy.

 

Wie bei vielen ähnlichen Unternehmungen dieser Zeit ist das Ziel dieses Gemeinschaftsexperimentes nicht allein in der kommunitären Wohnerfahrung oder im Ausprobieren neuer Lebensperspektiven zu suchen. Ein wesentlicher Aspekt dieser Großstadtflucht lag auf dem Gebiet der individuellen bzw. gemeinsamen künstlerischen Produktion, wobei man die Abgeschiedenheit des Ortes und Einfachheit des Daseins als Katalysator nutzte. Neben der Herstellung von zahlreichen Bildern, Holzschnitten und Skulpturen, die fast alle von Seiwert stammten, beschäftigte sich die Kalltalgemeinschaft während ihres Aufenthaltes in der Eifel mit der Herstellung und Herausgabe von literarischen, z.T. graphisch illustrierter Texte, insgesamt acht Bücher, die unter dem Namen „Kalltalpresse“, Untertitel: Druckschriften der Kalltal-Gemeinschaft, in die Literatur- und Kunstgeschichte der Moderne im Rheinland Eingang gefunden hat.

Die Texte der Presse sind nicht einheitlich in einem Verlag erschienen, sondern sie sind in fünf Verlagen und an unterschiedlichen Druckorten herausgegeben worden. Das einzige Exemplar, welches tatsächlich auf einer eigenen Presse/Handdruckmaschine in einer kleinen Mühle neben dem Haus der Kalltal-Gruppe in Simonskall gedruckt wurde, ist der Band vier, „WELT ZUM STAUNEN; EIN BILDERBUCH IN 6 VOM STOCK GEDRUCKTEN SCHNITTEN VON F: W: SEIWERT. Laut handschriftlicher Aufzeichnung von Seiwert sind nur 100 Exemplare des Buches gedruckt worden. Im Impressum steht weiter, „4. DRUCKWERK DER KALLTALGEMEINSCHAFT/BESORGT VON DER KALLTALPRESSE 1919“ MIT VERSEN DER FREUNDE. Die Originalstöcke zu diesem Buch hat Seiwert bereits 1916/17 angefertigt, allerdings sind die „Verse der Freunde“, also der Textteil, in Form von Holzschnittlettern erst in Simonskall hinzugefügt worden. Sie sind nämlich nicht auf der jeweiligen Bildseite, sondern immer auf der Rückseite des Blattes angebracht.

 

Trotz aller drucktechnischer und formal-ästhetischer Unterschiede gibt es ein gemeinsames Erkennungszeichen, welches die Pressen- und Gemeinschaftszugehörigkeit symbolisiert und zwar ein einheitliches Signet, ein Holzschnitt von Franz Wilhelm Seiwert der in jedem Band der Kalltalpresse abgebildet ist.

Die Gründe, welche die Künstlergruppe um das Ehepaar Jatho im Frühjahr 1919 bewogen haben, ihren Wohnort von Köln aus ins nahezu menschenleere Kalltal zu verlagern, sind mit Sicherheit ideeller Natur gewesen und wesentlicher Aspekt ihres Gemeinschaftsprogramms. Vielleicht spielten auch die politischen Zeitumstände eine Rolle, da zu Beginn des Jahres 1919 eine streng ausgeübte Pressezensur durch die englischen Besatzungstruppen herrschte, die Anfang Dezember 1918 als Folge der Besatzungspolitik bis an den Rhein in Köln einmarschierten und das linksrheinische Gebiet besetzten. Dieser Zensur fiel z. B. im März 1919 die Kölner dadaistische Zeitschrift „Der Ventilator“ zum Opfer.

 

Auch gab es nach der Jahrhundertwende und speziell nach dem 1. Weltkrieg zahlreiche Versuche bohèmehafter und intellektueller Kreise, die ihre ökonomischen Probleme (Arbeitslosigkeit ihrer Mitglieder, kein regelmäßiges Einkommen und ständiges Leben am Existenzminimum) durch die Gründung von Landkommunen und Siedlungsgemeinschaften zu bewältigen suchten. Dabei folgte man nicht nur ideologisch dem Ruf aus Ferdinand Tönnies „Gesellschaft und Gemeinschaft“, indem man aufs Land zog, sondern die Lebenskosten verringerten sich tatsächlich um ein Vielfaches, wenn man der Großstadt den Rücken kehrte. Es wird wohl von Allem etwas gewesen sein, wenn sich Carl Oskar Jatho in Band 6 der Presse, „Von der Gesellschaft zur Gemeinschaft“, programmatisch über die Motive ihrer selbst gewählten Einsamkeit auslässt:

 

„Einfacher werden [...] sei der entscheidende Beginn. Einfacher! Werde einfacher, bis du einfach, bis du wesentlich bist! so erging gestern, so erging einst, so ergeht heute und wird ergehen hinfort der Ruf aus dem Munde der Menschenhelfer.“

 

Die propagierte „Einfachheit“ in diesen Zeilen ist angesichts der landschaftlich besonders exponierten Lage und der äußerst bescheidenen Lebensumstände dort zu dieser Zeit  fast wörtlich zu nehmen. Man mietete nämlich eines der fünf alten Steinhäuser des Weilers samt einer gegenüber liegenden Mühle an. Das sogenannte Haus von 1651, originärer Aufenthaltsort der Gruppe , welches inzwischen den Namen „Junkerhaus“ erhalten hat, dient heute als kultureller und informativer Mittelpunkt des malerischen Eifelörtchens Simonskall. In seinen 1964 aufgeschrieben Erinnerungen an die Kalltalzeit formuliert Jatho dazu folgendermaßen:

 

„Dorthin [ins Kalltal] waren wir, müde der äußeren und inneren Uniform der großen Städte, und nicht zuletzt unter der Einwirkung der Schriften Tolstois, im Frühjahr abgewandert, und Seiwert hatte sich uns angeschlossen.“

 

Die religiöse Ethik Tolstois, verbunden mit massiver Großstadt- und Zivilisationskritik, bilden nach diesen Worten die zentralen Grundlagen, nach denen er den radikalen Bruch mit ihrem vorherigen Leben begründet. Man wollte 1919 dem Chauvinismus und Militarismus der Wilhelminischen Ära entfliehen und ein Konzept einer kommunitär-solidarischen Gemeinschaft entwickeln, die sich an allgemeinen humanen und christlich-ethischen Grundsätzen orientiert. Offenbar hatte dieser Geist auf Franz Wilhelm Seiwert großen Einfluss gehabt, denn er schuf in der Kalltalzeit zahlreiche Bilder, Plastiken und Schnitte mit religiösen und mythologischen Themen. Laut Jatho soll er sogar die Wände des alten Eifelhauses mit Szenen aus dem Gilgamesch Epos ausgestattet haben. Leider ist von diesen Fresken wie von zahlreichen anderen Arbeiten aus dieser Zeit nur noch wenig vorhanden.

Die konkrete biographische Situation in Simonskall beleuchten u. a. zwei Postkarten Seiwerts vom 15.08.1919 an Käthe Schröder-Reissmann und 12.09.1919 an Dore Leeser-Freundlich, der ersten Frau von Otto Freundlich beide original in Simonskall/Vossenack abgestempelt. Ein wichtiger Nachweis für das Leben und Wirken der Gruppe im Kalltal.

Postkarte an Dore Leeser-Freundlich
Postkarte an Käthe Schröder-Reissmann

 

Trotz der relativen Abgeschiedenheit war Simonskall von Köln aus recht gut innerhalb eines halben Tages zu erreichen, und zwar durch die Eisenbahnfahrt nach Düren, Weiterfahrt mit der Rurtalbahn nach Nideggen-Brück und von dort in einem zwei Stunden Fußmarsch durch das Kalltal zu dem 12 Kilometer entfernten Ort. Dass die Kalltalsiedlung 1919 bis 1921 nicht nur als eine willkommene Sommerfrische für die großstadtmüden Kölner Künstler Angelika und Heinrich Hoerle, Otto Freundlich, Anton Räderscheidt und Martha  Hegemann u. a. fungierte, sondern auch zu einem Refugium für politisch verfolgte Gesinnungsgenossen geriet, zeigt das Beispiel von B. Traven. Zur Kalltalzeit noch unter dem Namen Ret Marut bekannt und in München Herausgeber der anarchistischen Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ wurde Marut aufgrund seiner Mitwirkung an der Münchener Räterepublik von der bayrischen Regierung im Deutschen Reich steckbrieflich gesucht. Durch einen glücklichen Zufall konnte er 1919 aus München fliehen und wurde im Winter/Frühjahr 1920 mit seiner Lebensgefährtin, Irene Mermet, von den rheinischen Freunden im Kalltal versteckt. Das Versteck in Simonskall wurde durchaus mit Bedacht gewählt, da das linksrheinische Gebiet unter englischer Nachkriegsverwaltung stand und somit dem Einfluss der Reichsregierung entzogen war. Dieser Umstand konnte 1968 durch eine spektakuläre Entdeckung aus dem Nachlass von B. Traven in Mexiko verifiziert werden. So fanden sich zwei Eisenbahnfahrkarten 4. Klasse vom 25.02.1920 von „Cöln“ Hauptbahnhof bis nach „Nideggen über Düren“, genauer gesagt bis zu dem im Tal der Rur gelegenen Bahnhof Nideggen-Brück der 1903 erbauten Rurtalbahn. Diese Station bildet auch heute noch den Ausgangspunkt für Wanderungen ins nahe gelegene Kalltal. Auf diesem Wege ist es Ret Marut (B.Traven) auch möglich gewesen, sich seiner Häscher zu entziehen und ein paar ruhige Tage im stillen Simonskall zu verbringen, bevor er sich endgültig nach Mexiko aufmachte. Im Jahr 1921 löste sich die Kalltalgemeinschaft aus wirtschaftlichen Gründen auf und die letzten Mitglieder der Künstlergruppe, die Familie Jatho und ihr kleiner Sohn Kurt, zogen nach Köln zurück.

 

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