Mitglieder und Freundeskreis der Kalltalgemeinschaft

 

 

Otto Freundlich

Otto Freundlich, Foto: August Sander

(1878 Stolp/Pommern – KZ Lublin/Majdanek/Polen 1943)

Maler und Bildhauer; nach Gymnasialzeit zunächst eine Kaufmannlehre, danach beginnt er das Studium der Zahnmedizin, bricht dies jedoch vorzeitig ab und studiert Kunstgeschichte; hält sich zwischen1904 und 1906 vornehmlich in Hamburg und Berlin auf, veröffentlicht erste kunstkritische Artikel in Berliner und Münchener Zeitungen; ist 1906 abwechselnd in Florenz und München, wendet sich verstärkt bildnerischer Arbeit zu, führt aber auch seine schriftstellerischen Arbeiten weiter fort; beginnt 1907 ein Studium der Bildhauerei bei Arthur Lewin-Funcke, sein Mitstudent ist Horst Richter; weilt von März bis Juli 1908 in Paris, lebt hier im Bateau-Lavoir, lernt Pablo Picasso, Georges Braque, André Derain und Guillaume Apollinaire kennen; beteiligt sich bis 1913 an Ausstellungen in Köln, Hamburg und München; ab 1910 entstehen erste abstrakte Kompositionen, 1912 die Plastik „Der neue Mensch“; erneuter Aufenthalt in Paris, Kontakt mit den Bildhauern Constantin Brancusi und Amadeo Modigliani; weilt Anfang 1914 in Chartres und bezieht dort ein Atelier im Nordturm der berühmten Kathedrale, studiert die Grundlagen der Glasmalerei; kehrt kurz vor Kriegsende zurück nach Köln und wird Sanitätssoldat bei den Deutzer Kürassieren, später in Trier; Freundschaft und gemeinsames Atelier mit dem Aachener Maler Hans Bolz in Köln; heiratet 1916 die Pianistin Dore Leeser, von der er sich jedoch nach 2 Jahren wieder trennt; hält sich bis 1920 vorwiegend in Köln auf, unterhält hier zahlreiche Kontakte zu den unterschiedlichen progressiven Gruppen und Vereinigungen, wie z.B. „Gereonsclub“, „Gesellschaft der  Künste“, „Strom“, „Schöpfung“, „Bulletin D“, „stupid“ und „Dada“; lernt nahezu alle bedeutenden Vertreter der Kölner Avantgarde der 20er Jahre kennen: Max Ernst, Anton Räderscheidt, Marta Hegemann, Franz Wilhelm Seiwert, Heinrich und Angelika Hoerle, Gerd Arntz etc.; hält sich nachweislich bei der „Kalltalgemeinschaft“ in Simonskall/Eifel auf, lernt Ret Marut, alias B. Traven kennen; schließt sich der sozialreformerisch-konstruktivistischen Gruppe um Seiwert an; erhält von Walter Gropius das Angebot als Lehrer am „Bauhaus“, ein weiteres von Bruno Traut für die Kunstgewerbeschule in Magdeburg, lehnt jedoch beide Angebote ab; von 1921 bis 1931 unternimmt er zahlreiche Reisen, hat wechselnde Aufenthaltsorte und Lebensbeziehungen, verfasst zahlreiche kunsttheoretische  und politische Texte und betreibt eine intensive Ausstellungstätigkeit u.a. in Berlin, Paris, Hamburg, Moskau, Chicago, Zürich, Köln etc.; lebt ab 1932 aufgrund der sich zuspitzenden politischen Lage in Deutschland dauerhaft in Frankreich, tritt der  Gruppe „Abstraction – Creation“ um Theo van Doesberg, Antoine Pevsner und Naum Gabo bei, gilt als einer der führenden Vertreter der geometrischen Abstraktion; 1933 Beitritt zur „Association des Ecrivains et Artistes Revolutionnaires“, die der kommunistischen Partei nahe steht; 1934 bemüht er sich um seine Neutralisierung in Frankreich, kann jedoch die Kosten hierfür in Höhe von 1400 Franken nicht aufbringen;1937 erklären die Nationalsozialisten seine Kunst als „entartet“ ; Entfernung zahlreicher Kunstwerke aus deutschen Museen; kommt 1940 in das französische Internierungslager „Drancy“ bei Paris, ein Fluchtversuch misslingt, alle Bemühungen von Freunden um eine Ausreisegenehmigung in die USA scheitern; Peggy Guggenheim lässt ihm von New York aus 500 Franken zukommen, vergebens: Otto Freundlich wird am 23. Februar 1943 in St.-Martin-de Tenoullet verhaftet und kommt in das Sammellager Degostinet, wird von hier aus am 4. März ins KZ Majdanek/Polen deportiert und am Tag seiner Ankunft, am 9. März, unter der Registriernummer 197 umgebracht.

 

 

Marta Hegemann

Marta Hegemann, Foto: August Sander

(1894 Düsseldorf – Köln 1970)

Malerin und Graphikerin; wird als älteste Tochter einer Beamtenfamilie geboren, obgleich ihr Vater schon bald nach Iserlohn versetzt wird, weilt sie oft zu Besuchen bei den Großeltern in Köln-Mühlheim und lernt bei diesen Anlässen die kunsthistorischen Schätze des Walraf-Richards-Museums kennen; nach Beendigung des Lyzeums 1911 beginnt sie ihr Studium an der Kölner Kunstgewerbeschule, wo sie ihren späteren Ehemann Anton Räderscheidt kennen lernt, des weiteren ihre späteren Weggefährten Heinrich Hoerle, Franz W. Seiwert u.a.; wechselt im darauffolgenden Jahr zusammen mit Anton Räderscheidt an das Düsseldorfer Staatliche Kunst- und Zeichenseminar; schließt ihre Ausbildung als Zeichen- und Sportleherin ab, ist zunächst an einer Kölner Schule, später in Bad Godesberg tätig, gibt jedoch ihre feste Anstellung zugunsten einer freiberuflichen Tätigkeit als Künstlerin auf; heiratet im März 1918 Anton Räderscheidt und bezieht mit  ihm zusammen ein Wohnatelier im legendären Haus am Hildeboldplatz 9; 1919 bzw. 1924 werden die Söhne Johannes und Carl Anton geboren; zusammen mit ihrem Mann entwickelt sie intensive Beziehungen zur Kölner Dada-Gruppe „stupid“ um Max Ernst, Hans Arp, Otto Freundlich, Franz Wilhelm Seiwert, Willy Fink, Heinrich und Angelika Hoerle, der sie bis zu deren Tod (September 1923) freundschaftlich eng verbunden bleibt; beteiligt sich an zahlreichen Gruppenausstellungen und avanciert sehr schnell zu einer der angesehensten Malerinnen der Kölner Avantgarde der 20er Jahre; schließt sich 1920 der sozial-reformerischen Ausrichtung der Kölner Progressiven an und bedient sich vorübergehend deren konstruktivistischer Formensprache; pflegt enge Kontakte zur Kalltalgemeinschaft und hält sich zusammen mit ihrem Mann besuchsweise in Simonskall auf; reflektiert in magisch-realistischer Darstellungsweise vorwiegend Paar-Beziehungen sowie die Rolle der Frau in Gesellschaft und Familie; ab 1925 intensive Ausstellungspräsenz, u.a. in Aachen, Berlin, Chemnitz, Dresden und Düsseldorf, wobei ihr höchste künstlerische Anerkennung zuteil wird; die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 hat für Marta Hegemann und ihre Familie schwerwiegende Folgen, als Nichtmitglied der Reichskulturkammer unterliegt sie de facto einem Berufs- und Ausstellungsverbot; sie versucht mit ihrem Mann nach Italien überzusiedeln, hält sich von Januar bis Herbst in Rom auf; gerät zunehmend in Isolation, hat Existenz- und Eheprobleme; 1934 Trennung von Anton Räderscheidt; viele ihrer Werke werden während des Krieges beschlagnahmt, gestohlen oder bei Bombenangriffen zerstört; nach Kriegsende gelingt es ihr nicht mehr, an die früheren Erfolge anzuknüpfen, sie versucht, sich und ihre beiden Söhne mit kunstgewerblichen Arbeiten durchzubringen; Marta Hegemann erliegt im Januar 1970 einer Angina Pectoris Erkrankung.

 

Angelika Hoerle

Angelika Hoerle

(1899 Köln – Köln 1923)

Malerin; entstammt der Familie eines angesehenen Handwerksmeisters, nimmt an den regelmäßig veranstalteten Kammermusikabenden und Diskussionsrunden ihrer Familie teil und ist auf diese Weise schon früh mit der Kultur- und Kunstszene ihrer Heimatstadt auf Tuchfühlung; nach der Schulzeit macht sie eine Lehre als Modistin, betreibt gleichzeitig ihre künstlerische Weiterbildung als Autodidakt; lernt bereits Ende 1916 oder Anfang 1917 ihren späteren Ehemann, den aufstrebenden Maler Heinrich Hoerle kennen, den sie 1919 gegen den Willen ihrer Familie heiratet; mit ihm zusammen sowie ihrem Bruder, dem Maler Willy Fink, Max Ernst, Johannes Theodor Bargeld, Marta Hegemann, Anton Räderscheidt, Otto Freundlich, Franz W. Seiwert ist sie Mitbegründerin der Kölner Dada-Gruppe „stupid“; findet als Künstlerin große Beachtung mit ihren subtil-ironisierenden Zeichnungen: „Geteilter Tierkopf“, „Kopf mit Rad und Autohupe“, "Reiterin", „Zwei Frauenköpfe im Profil“ (wahrscheinlich ein Selbstbildnis zusammen mit ihrer Freundin, der Malerin Marta Hegemann, die ihr zeitlebens eng verbunden bleibt) und avanciert mit ihren Frauenportraits, Stilleben und Linolschnitten „Frau und Kind“, „Männerkopf,Straße“, „ABC-Bilderbuch“ (Lampe, Vogel, Fisch, Haus)  zur „Deutschen Meisterin der Dadaisten“ respektive zum „comet on the Cologne art scene“; arbeitet 1919 an der Mappe "Lebendige" mit, erschafft hierfür zwei Holzschnitte mit Portraitdarstellungen der ermordeten Revolutionäre Jean Jaurés und Eugen Leviné; schließt sich 1920 zusammen mit ihrem Ehemann Heinrich Hoerle  der sozialkritisch-konstruktivistischen Stilrichtung Franz W. Seiwerts an;  unterhält enge Kontakte zur Kalltalgemeinschaft und weilt zu Besuchen in Simonskall; hier widmet ihr Käthe Jatho-Zimmermann  das Gedicht „Gemeinschaft“; als sie  1922 an Tuberkulose erkrankt, verlässt ihr Mann in panischer Angst vor Ansteckung die gemeinsame Wohnung in der Bachemer Straße 243; arbeitet am "ABC-Bilderbuch", das sie jedoch wegen ihrer sich rasch verschlimmernden Krankheit nicht mehr vollenden kann; durch Vermittlung ihres Bruders Willy findet sie wieder Aufnahme bei ihrer Familie, von der sie wegen ihrer Heirat mit Heinrich Hoerle verstoßen worden war; Angelika Hoerle stirbt im Herbst 1923 vereinsamt in einem Kölner Krankenhaus; obwohl der Krieg ihre künstlerische Hinterlassenschaft auf nur 35 graphische Arbeiten dezimiert, hat sie als bedeutende Vertreterin der Dadabewegung bleibendes Ansehen erworben; die Tragik ihres frühen Todes zeichnet eine Parallele zu Paula Modersohn-Becker und inspiriert in ähnlicher Weise heute noch Schriftsteller und Dichter wie z. B. Kai Artinger, fiktives Skript für einen Film, erschienen in Britta Jürgs, „Etwas Wasser in der Seife“, 1999 / David Jones, David Annwn, " Z206 for Angelika Hoerle".

 

 

Heinrich Hoerle

Heinrich Hoerle, Foto: August Sander

(1895 Köln – Köln 1936)

Maler und Graphiker, begibt sich 1910 nach Abschluss der Volksschule zunächst auf Wanderschaft durch Holland und Belgien, schließt sich dort einer Zirkus-Artistengruppe an, kehrt 1912 zurück nach Köln und besucht hier sporadisch die Kunstgewerbeschule; ab 1913 sind erste Arbeiten von ihm nachweisbar, er unterhält Kontakte zum „Gereonsclub“ und dem Bohèmezirkel der „Lunisten“, lernt Max Ernst, Peter Abelen, Johannes T. Kuhlemann kennen;  1914 Beginn der Freundschaft mit dem aus Italien stammenden Maler Pietro Malmesi; 1917/18 Militärdienst; 1919 Freundschaft mit Franz Wilhelm Seiwert, Otto Freundlich und dem Herausgeber der Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ Ret Marut, alias B. Traven; Heirat mit Angelika, beide schließen sich der Kölner Dada-Gruppe „stupid“ an; Bekanntschaft mit Anton Räderscheidt und Marta Hegemann, Teilnahme an der Dauerausstellung in deren Atelier am Hildeboldplatz 9; 1920 erscheint im Selbstverlag die „Krüppelmappe“, unterhält enge Kontakte zur Kalltalgemeinschaft und weilt besuchsweise in Simonskall; schließt sich zusammen mit seiner Frau der sozialkritischen Bewegung der Kölner Progressiven um F.W. Seiwert, O. Freundlich, M. Hegemann, A. Räderscheidt und P. Abelen an; 1920 entstehen der Linolschnitt „Mann mit Pfeife“ sowie die Ölbilder „Mann und Frau“ und „Fabrikarbeiter“; seine Frau Angelika erkrankt 1922 an Tuberkulose, es kommt zur Trennung; im selben Jahr stirbt seine Schwester Marie an dieser Krankheit, an der bereits sein Vater verstorben war; im Herbst 1923 erliegt auch seine Frau Angelika ihrer Tbc-Erkrankung; als die sozial-revolutionäre Bewegung 1924 zum Erliegen kommt, wendet er sich verstärkt der magisch-realistischen Bildgestaltung zu, mit zuweilen metaphysischer Sinngebung, das Ölgemälde „Der Dichter“ entsteht; Heirat mit Marta Kleinertz; erleidet 1925 selbst einen Tbc-Anfall; bis 1930 intensive Ausstellungsbeteiligung u. a. in Moskau, Düsseldorf, Köln und Berlin; 1931 Beteiligung an der "Special Exhibition, Société Anonyme" (u. a. mit W. Baumeister, G. Brockmann, H. Campendonk, M. Ernst, W. Kandinski, P. Klee, F. Léger, J. Miro, P. Mondrian, Man Rey, E. Nolde, K. Schwitters); Teilnahme an der Graphikausstellung der Gruppe progressiver Künstler in der Galerie Dr. Becker-Newmann in Köln (u. a. mit G. Arentz, W. Baumeister, R. Hausmann, St. Kubicki, A. Tschinkel, L. Moholy-Nagy, F. W. Seiwert); 1932 entstehen einige seiner berühmtesten Bilder u.a."Zwei Männerköpfe", "Rheinische Landschaft" und "Zeitgenossen"; große Sammelausstellung im KKV; beteiligt sich an zahlreichen Ausstellungen in Köln, Berlin, Düsseldorf, Amsterdam, Prag, Chicago und Paris; 1933 heiratet er Trude Alex und unternimmt eine Erholungsreise nach Mallorca, um seine  erneut  ausgebrochene Tuberkulose zu heilen, es entstehen dort Meerbilder und Stilleben; Heinrich Hoerle stirbt am 3. Juli 1936 an Kehlkopftuberkulose  und wird in Köln-Mülheim begraben; obwohl erst 41jährig, hinterlässt er ein umfangreiches und stilistisch vielgestaltiges Werk von internationalem Rang, gilt heute als eine der zentralen Figuren der Gruppe der Kölner Progressiven. 

 

Carl Oskar Jatho

Carl Oskar Jatho

(1884 Berlin – Köln 1971)

Kunsthistoriker, Publizist und Schriftsteller; Sohn des bekannten Kölner evangelischen Pfarrers Carl Jatho, der aufgrund eines theologischen Streites mit der Amtskirche seines Amtes enthoben wurde; vor dem Ersten Weltkrieg Studienaufenthalte in München und Berlin; 1916 Entlassung aus dem Militärdienst als Verwundeter; veranstaltet in seiner Kölner Wohnung Diskussions- und Vortragsabende, lernt den Maler Franz Wilhelm Seiwert kennen; bis 1919 Teilnahme am künstlerischen Leben in Köln in verschiedenen Künstlergruppen und Vereinigungen: dem „Gereonsclub“, „Karl Nierendorfs „Gesellschaft der Künste“, dem „Strom“, der „Schöpfung, „Bulletin D“, „stupid“ und „Dada Köln“; 1919–1921 Aufenthalt im Simonskall/Eifel, Mitbegründer der Kalltalgemeinschaft zusammen mit seiner Frau Käthe und dem befreundeten Maler Franz Wilhelm Seiwert im heutigen Junkerhaus, welches er zu diesem Zweck anmietet; Mitherausgeber mehrerer Schriften und Graphikmappen der Kalltalpresse: Band 6 „Von der Gesellschaft zur Gemeinschaft“, Band 10 „Charles-Louis Philipp: Das Verbrechen der Monsieur-Le-Prince-Strasse“; wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten erfolgt 1921 die Auflösung des Simonskaller Siedlungsexperiments, Rückkehr nach Köln; in den zwanziger Jahren Mitarbeit an Zeitungsprojekten; u.a. „a bis z“; in den dreißiger Jahren Veröffentlichung verschiedener kleinerer Reisebücher als Ergebnis ausgedehnter Faltbootfahrten auf großen deutschen Flüssen; 1944 trifft eine Bombe das Kölner Wohnhaus der Jathos, wobei zahlreiche Bilder seines Freundes Seiwert zerstört werden; nach dem 2. Weltkrieg Herausgabe einiger Bücher zum Wiederaufbau Kölns sowie eine Autobiographie; Carl Oskar Jatho verstirbt 1971 in Köln.

 

 

Käthe Jatho-Zimmermann

Käthe Jatho-Zimmermann

(Bergisch-Gladbach 1891 – Köln-Rodenkirchen 1989)

Schriftstellerin, eigene Veröffentlichungen 1915 z.B. im Eugen-Diederichs-Verlag: „Das Problem Belgien“, ein politisch-literarischer Beitrag zur „Flamenromantik“ während der deutschen Okkupation Belgiens im Ersten Weltkrieg; 1916 Heirat  mit Carl Oskar Jatho, Veranstaltung von Vortrags- und Diskussionsabenden in ihrer Kölner Wohnung in der Moltkestraße; Bekanntschaft mit Franz Wilhelm Seiwert; von 1919 bis 1921 mit ihrem Mann Carl Oskar und Söhnchen Kurt Aufenthalt in Simonskall/Eifel, Mitbegründerin der  Kalltalgemeinschaft und Mitherausgeberin und Verfasserin mehrer  Schriften der Kalltalpresse unter dem Pseudonym Karl Zimmermann: „Der Hauptmann Deutschle“, ein Buch für Enkel, Band 3 „Die Gemeinschaft der Einsamen“, eine Huldigung dem Christentum in seinen Genien Platon, Franziskus, Richard Wagner, Friedrich Nietsche, Band 8 „Himmelfahrt der Venus“; nach Auflösung der Kalltalgemeinschaft im Herbst 1921 Rückkehr nach Köln; unternimmt in den dreißiger Jahren mit ihrem Mann und Freunden Faltbootfahrten auf verschiedenen deutschen Flüssen; publiziert darüber mehrere Bücher mit kunsthistorisch-philosophischen Betrachtungen; nach dieser Phase gibt es erst ab 1945 wieder schriftstellerische Aktivitäten von ihr. Käthe Jatho stirbt im hohen Alter von 98 Jahren in Köln.
 

Franz Nitsche

Franz Nitsche

(1887 Berlin – Geislingen 1952)

Bühnenbildner, Graphiker und Maler; mit Hilfe der Mutter setzt er gegen den Willen seines Vaters den Wunsch durch, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen; ab 1907 Vollschüler der Fachklasse für Graphik und Buchkunst am „Königlichen Gewerbemuseum Berlin“, bis 1911 Schüler von Emil Orlik; ab 1912 in Leipzig ansässig, arbeitet als Bühnenbildner an den städtischen Theatern, entwirft ab 1914 als freier Mitarbeiter für eine Reihe bedeutender Inszenierungen die Bühnenbilder, Teilnahme mit Orlik an der Werkbundausstellung in Köln; lernt den Regieassistenten Heinz Jatho kennen, Bruder des Kölner Kunsthistorikers Carl Oskar Jatho, dadurch Beziehungen zum Rheinland und der Kölner Kunstszene, enge Freundschaft und gemeinsame Wohnung mit Heinz Jatho; 1916 freiwilliger Militärdienst im Ersten Weltkrieg, Heinz Jatho fällt als Soldat 1916, F. Nitsche kehrt im Herbst 1919 aus englischer Gefangenschaft zurück, macht Station in Köln und stattet den Jathos in Simonskall einen Besuch ab; ist für mehrere Monate Gast der Kalltalgemeinschaft, verfasst hier ein expressionistisches Gedicht für Erika Teschner, die er bei seiner Rückkehr nach Leipzig im Mai  1920 heiratet; die zweite Druckschrift der Kalltalgemeinschaft, welche 1919 editiert wird, enthält eine Sammlung mit Briefen, Gedichten und Zeichnungen Franz Nitsches; 1920 Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Bühnenbildner, macht Entwürfe für verschiedene Leipziger Bühnen; betätigt sich zudem als Maler und nimmt an Ausstellungen verschiedener Museen teil, zeigt Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde; 1933 Beteiligung an der „Dritten Großen Leipziger Kunstausstellung“, sein Tryptichon „Bauernaltar“ wird in der Presse vorgestellt; wechselt in der Spielzeit 1943/44 an das neu eröffnete Theater Diedenhofen/Saarland, leistet hier maßgebliche Aufbauarbeit; lebt nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgezogen als freischaffender Künstler, entwirft im Auftrag verschiedener Theater in Deutschland Bühnenbilder und erschafft Landschaftsbilder surrealer Mystik und Religiösität; weitere künstlerische Arbeiten, u.a. Kinderbuch-Illustrationen; Franz Nitsche stirbt nach längerem Leiden im Frühjahr 1951 in Geislingen.

 
 

Anton Räderscheidt

Anton Räderscheidt, Foto: August Sander

(1892 Köln – Köln 1970)

Kunsterzieher und Maler; von 1910 – 1914 Studium an der Kölner Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie Düsseldorf; lernt hier sein spätere Frau Marta Hegemann kennen, knüpft erste Kontakte zur rheinischen Avantgarde in Köln; von 1915 – 1917 Kriegsdienst, zieht sich schwere Granatverletzungen zu; nach Referendarexamen als Kunsterzieher an einem Kölner Realgymnasium tätig, Beginn freier künstlerischer Tätigkeit; 1918 Heirat mit Marta Hegemann, bezieht mit ihr das Wohnatelier am Hildeboldplatz 9, 1919 bzw. 1924 werden die Söhne Johannes und Karl-Anton geboren; es entwickeln sich enge Beziehungen zu Max Ernst, Hans Arp, Otto Freundlich, Wilhelm Fink, Angelika Hoerle, Heinrich Hoerle, Peter Abelen und Franz Wilhelm Seiwert, gründet mit ihnen zusammen die „Neukölnische Malerschule“, es entstehen erste Bilder mit konstruktivistischen Grundzügen; zwischen 1919 und 1920 Kontakte zur Kalltalgemeinschaft in Simonskall/Eifel, auch Besuche dort gelten als sehr wahrscheinlich, lernt den Literaten Ret Marut, alias B. Traven kennen, beteiligt sich an der Herausgabe mehrerer Holzschnittmappen der Kalltalpresse; ist Mitbegründer der Dadagruppe „stupid“; die Holzschnittmappe „Dramentage“ erscheint; 1920 entstehen erste magisch-realistische Bilder in geometrisch-figuraler Formensprache, Beginn öffentlicher Anerkennung und Teilnahme an der Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in Mannheim; 1928 Bekanntschaft mit Heinrich Maria Davringhausen, 1929 Ausstellung im „Deutschen Künstlerbund“; 1934 Trennung von Marta Hegemann; zieht mit seiner neuen Lebensgefährtin Ilse Metzger-Salberg nach Berlin; 1935 Emigration nach Frankreich über die Schweiz und England; hält sich in Paris auf und hat 1937 ein Atelier in der Rue Des Plantes, trifft Max Ernst und Otto Freundlich wieder; 1938 beginnt eine abenteuerliche Odyssee durch Frankreich, wobei er in Sanary sur Mer Bekanntschaft mit Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Walter Hasenclever macht; reist 1942 illegal in die Schweiz ein und wird dort verhaftet, erhält aber durch Fürsprache des Baseler Museumsdirektor Georg Schmidt eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis; seine Lebensgefährtin Ilse Salberg erlag 1947 einem Krebsleiden; Anton Räderscheidt verkauft sein gesamtes schweizerisches Oeuvre und geht zurück nach Paris, lernt Gisèle Ribreau kennen, die er später heiratet, 1949/50 durch Existenzsorgen bedingt Rückkehr nach Köln; schwieriger beruflicher Neuanfang, fast alle bedeutenden Werke seiner früheren Schaffensperioden wurden zerstört oder gestohlen, der bedeutendste deutsche Vertreter des magischen Realismus steht unerwartet als Fremder ohne künstlerische Vergangenheit da, versucht mit Portrait-Auftragsarbeiten, Pferde- und Landschaftsbildern zu überleben; vollzieht 1957 die Abkehr von der gegenständlichen Malerei, geht – beeinflusst von „Informell“ und der „École de Paris“ – zur Abstraktion über und erschafft ein ebenso umfangreiches wie bedeutsames Spätwerk; Anton Räderscheidt stirbt am 8. März 1970 an den Folgen eines Schlaganfalls.

 

 

Franz Wilhelm Seiwert

Franz Wilhelm Seiwert, Foto: August Sander

(1894 Köln – Köln 1933)

Architekt, Graphiker und Maler; erleidet schon als Fünfjähriger durch medizinische Experimente eine unheilbare Röntgenverbrennung am Kopf, die ihn zeitlebens zwingt, eine Perücke zu tragen; besucht nach Abschluß der Volksschule von 1910-1913 die Kölner Kunstgewerbeschule; Freundschaft mit dem Kirchenmaler Hubert Nöthen, Beginn eigener künstlerischer Arbeit; nimmt ab 1916 regelmäßig an den von Carl Oskar Jatho und dessen Frau Käthe Jatho-Zimmermann veranstalteten Vortrags- und Diskussionsabenden teil, erhält hierdurch Zugang zur Kölner Künstler- und Intellektuellenszene; 1917 erscheinen erste Reproduktionen von Seiwert in Franz Pfempfertz Presseorgan „Die Aktion“; 1918 Bekanntschaft mit Hans Schmitz, Otto Freundlich, Peter Abelen, Bekya und Genya Gusik, knüpft enge Kontakte zur Dada-Gruppe um Max Ernst, Otto Freundlich, Angelika und Heinrich Hoerle, Marta Hegemann und Anton Räderscheidt u.a.; ist 1918/1919 bei mehreren Ausstellungen in Deutschland vertreten: Düsseldorf, Köln, München, Berlin u.a.;  gründet im Frühjahr 1919 zusammen mit Carl Oskar Jatho und Käthe Jatho-Zimmermann die Kalltalgemeinschaft, verbringt anderthalb Jahre in Simonskall; Versuch einer Künstlerkolonie und Errichtung einer Presse, maßgebliche Beteiligung an der Herausgabe mehrerer Schrift- und Graphikmappen, insbesondere Band 4 der Kalltalpresse „Welt zum Staunen“ sowie Band 9 „Klänge des Evangeliums Johannis“, der wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit Marta Hegemann und Anton Räderscheidt herausgegeben wird, wie das Signet „STUPID“ auf der Rückseite vermuten lässt; arbeitet eng mit dem Herausgeber der anarchistischen Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ Ret Marut, alias B. Traven zusammen, der sich vorübergehend in Simonskall aufhält; wendet sich ab 1920 der konstruktivistischen Stilrichtung zu und reflektiert in seinen Arbeiten vornehmlich politische Themen mit sozialkritischen Inhalten; unternimmt zahlreiche Reisen, schließt Freundschaft mit den Malern Stanislaw Kubiki, Raul Hausmann und Gerd Arntz; es erscheinen erste politisch-theoretische Artikel in Pfempfertz  „Aktion“; 1920 – 25 Beteiligung am internationalen Kongress für politische Künstler, Bekanntschaft mit van Doesburg, Maholy Nago, H. Richter, El Lisitzky, Schwitters und dem französischen Dichter Tristan Remy, stellt in Moskau und Leningrad aus, avanciert zusammen mit Heinrich Hoerle und Gerd Arntz zu den bedeutendsten Vertretern der Kölner Progressiven; reist 1927 nach Chartres, Bekanntschaft mit C. Brancusi und F. Leger; 1929 Freundschaft mit dem Prager Maler Augustin Tschinkel; intensive Ausstellungstätigkeit zwischen 1930 – 32 in Berlin, Hannover, Köln, Prag, Düsseldorf, Chicago und Paris sowie Ausstellungsbeteiligungen in New York, Berlin, Köln, Frankfurt, Wiesbaden, Stettin und Lodz; 1933 vorübergehender Aufenthalt in einem kleinen Ort im Siebengebirge aus Angst vor Repressalien der Nazis; seine sich verschlimmernde Röntgenverbrennung zwingt ihn jedoch zu einem Krankenhausaufenthalt in Köln; Franz Wilhelm Seiwert stirbt am 3. Juli 1933 im Israelitischen Krankenhaus in Köln.

 

 

B. Traven

B. Traven

(1882 San Francisco?, 1890 Chicago? oder Lübeck an der Trave? – Mexico-City 1969)

Schauspieler, Journalist, Revolutionär und berühmter Schriftsteller sozialkritischer Romane, weltbekannter Unbekannter, der seine wahre Identität zeitlebens hinter einer Vielzahl von Pseudonymen verbirgt; fest steht lediglich sein Todesdatum und die Übereinstimmung mit Ret Marut; ab 1907 erste gesicherte Hinweise als Schauspieler und Regisseur am Stadttheater Essen, es folgen weitere Engagements an verschiedenen deutschen Bühnen, zuletzt am Schauspielhaus Düsseldorf, lernt hier seine langjährige Lebensgefährtin Irene Mermet kennen (möglicherweise seine Tochter?); ab 1915 Übersiedlung nach München, gibt sich hier als Student der Philosophie aus; erste literarische Versuche mit Novellen, Skizzen, Satiren; von 1917 bis 1921 Herausgeber der legendären radikal-pazifistischen  Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“; veröffentlicht Kurzgeschichten und Glossen in verschiedenen deutschen Tageszeitungen: Berliner Tageblatt, Bremer Bürgerzeitung u.a., versucht sich als Mitarbeiter des Simplicissimus, widmet sich 1918 zunehmend dem gesellschaftskritischen Journalismus und der Agitation gegen das Establishment; beteiligt sich im Frühjahr 1919 am Umsturz der Königlich-Wittelsbacher Staatsregierung; ist einer der führenden Köpfe der Münchener Räte-Republik, hat im Zentralrat das Amt als Zensor des Zeitungswesens inne; nach Niederschlagung der Revolte wird Ret Marut als Rädelsführer verhaftet und des Hochverrats angeklagt, kann jedoch kurz vor seiner sicheren Verurteilung zum Tode fliehen und untertauchen; hält sich unter anderem bei Freunden in Köln und der Kalltalgemeinschaft in Simonskall/Eifel versteckt, dank deren Hilfe ihm 1923 die Flucht ins Exil nach Mexiko gelingt; mit neuer Identität als B.Traven avanciert er hier zum Erfolgsautor so berühmter Romane wie „Das Totenschiff“, „Die Baumwollpflücker“, „Der Schatz der Sierra Madre“ „Die weiße Rose“, „Die Rebellion der Gehenkten“ und vielen anderen; ist mit einer Leserschaft von über 30 Millionen einer der erfolgreichsten Romanciers seines Jahrhunderts; unterstützt zahlreiche Hilfsprojekte für die indianische Urbevölkerung; der Schauspieler, Journalist, Revolutionär und weltberühmte Schriftsteller B. Traven stirbt am 26. März 1969 hochbetagt in Mexico City, verfügt testamentarisch, seine Asche über dem mexikanischen Dschungel verstreuen zu lassen und seine Identität mit Ret Marut durch seine Frau Elena Luján offen legen zu lassen; in seinem Nachlass findet man u.a. Werke seines Freundes Franz Wilhelm  Seiwert, den Pass von Anton Räderscheidt, den er möglicherweise bei seiner Flucht aus Deutschland verwendete, sowie zwei Fahrkarten von Köln nach Nideggen(-Brück), von wo aus ein anderthalb stündiger Fußweg nach Simonskall führt.

 

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