31. März bis 24. Juni 2007

Heinz Ziegler

Fotomix aus 8 Serien

Das foto-graphische Werk eines Ästheten

Mit einem „Fotomix aus 8 Serien“ des Dürener Graphikers und Fotokünstlers Heinz Ziegler eröffnet HöhenArt Hürtgenwald seine diesjährige Ausstellungsreihe im Junkerhaus Simonskall. Gezeigt wird eine Auswahl von über 50 Arbeiten aus verschiedenen Serien, Themenbereichen und Schaffensperioden dieses eigenwilligen Fotographen, der mit sicherem Blick für das Ungewöhnliche – und immer noch mit analoger Spiegelreflex – den verborgenen Schönheiten des Alltäglichen und Banalen nachspürt. Mit gestalterischem Know-how und raffinierten Nachbearbeitungstechniken zaubert er foto-graphische Bildwelten von formal-ästhetischer Faszination und rätselhaft-surrealer Symbolik, darin sich vermeintliche Wirklichkeit oft kaleidoskopartig auflöst und auf magische Weise zu neuer Sinnganzheit zusammenfügt.

Laudatio 

Wie man aus Fotos Bilder macht

Über Heinz Ziegler, Jahrgang 1931, früher Designer und Schriftsetzermeister, heute Fotograf und Bildermacher.

Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der ästhetischen Seite der Druckmedien. Als Designer arbeitete er an der Werbung für namhafte Firmen, als Typograph und Layouter war er für die ansprechende Erscheinung von Zeitschriften und Büchern verantwortlich. Mit dem Ende der Berufstätigkeit wechselte er nicht in die Untätigkeit, sondern er wechselte nur die bildnerischen Mittel. Zeichenbrett, Stifte, Lettern und Fadenzähler wichen der Kamera und dem Farbdiafilm. Ziegler arbeitet seine Themen geduldig in langen Serien aus. 8 dieser Reihen sind hier in der Ausstellung durch jeweils wenige, ausgewählte Bilder repräsentiert. Über gut drei Jahre fuhr Ziegler immer wieder zum Kohlekraftwerk Weisweiler, bis er mit seiner Fotobeute zufrieden war. Auch die Serie mit dem Motiv Kölner Dom zeigt, wie wichtig es ist, als Fotograf den richtigen Standpunkt zu finden und das richtige Licht, das wiederum von Tages-, Jahreszeit und Wetter abhängt. Und dann steht man vor dem Bild mit den Domspitzen und dem Lochnerengel und fragt sich, ob man hier überhaupt in einer Fotoausstellung ist. Denn das, was man da sieht, kann man so nicht fotografieren, da mag der Fotograf seinen Standpunkt noch so gut gewählt haben. Aber Fotos entstehen nicht beim Drücken auf den Auslöser, sondern erst im Fotolabor. Und wenn man zwei verschiedene Motive auf einem Bild haben möchte, lege man die beiden übereinander – das heißt Sandwichtechnik - und auf der Belichtung sind sie dann vereint. So hat auch der Fotograf die Möglichkeit, disparate Dinge in einem Bild zusammen zubringen, was eigentlich eine typische Vorgehensweise der Malerei ist. In dieser „Fotocollage“ deutet sich eine Lieblingsspielart Zieglerscher Bildproduktion an. Platt gesprochen geht Fotos machen so: knipsen, entwickeln, vergrößern, rahmen, an die Wand hängen – fertig. Bei Ziegler ist das etwas komplizierter und geht ungefähr so: knipsen, entwickeln, Motive montieren, vergrößern, jetzt noch Vergrößerungen montieren, rahmen, an die Wand hängen – fertig. Das Prinzip der Collage oder Montage ist uns heute, vermittelt durch Bildende Kunst und Werbung, so geläufig, dass wir es oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Doch erst vor etwa 90 Jahren fand es Einzug in die Kunst, als vor allem die Dadaisten in ihre Malerei und Grafik Teile anderer Illustrationen einbauten. Die Fotografie blieb davon weitgehend verschont, denn die sollte ja die Wirklichkeit abbilden, scharf und wahr. Nicht so bei Ziegler, der verwackelt und macht daraus eine ganze Serie: „Verwischungen“. Und demonstriert uns, dass Bewegungsunschärfe ein probates bildnerisches Mittel sein kann. Immobilien, wie Gebäude und Statuen erwachen damit zum Leben, ja, selbst „Der Stürzende Engel“ vor dem Dürener Rathaus besinnt sich wieder auf seine Aktivität, wenn der Fotograf im richtigen Rhythmus mit der Kamera wackelt. Aber auch dann, wenn er stillhält, und das Motiv scharf einfängt, wie auf den Fotos von den gepressten Papierballen auf den Lagerplätzen der Firmen Kanzan und Schoellershammer, schafft er es, uns vor Bilderrätsel zu stellen. Rezept: Man fotografiere nicht den ganzen Papierballen, sondern nur einen Ausschnitt, fertige von diesem Foto mehrere Abzüge, seitenrichtige und seitenverkehrte, und setze diese dann einfach oder gedreht oder spiegelsymmetrisch horizontal u/o vertikal aneinander, fertig ist ein Zieglerfoto. Folge: der Betrachter erkennt nicht mehr, welche Gegenstände abgebildet sind und beginnt zu assoziieren, bis er eine befriedigende Erklärung gefunden hat, und so die vermeintliche Sicherheit des Bekannten wiederhergestellt ist. Gerade die spiegelsymmetrischen Bilder verleiten uns sofort, Köpfe, Körperteile oder ganze Wesen zu imaginieren. D.h. durch die schlichte Mehrfachnutzung eines Motivs in einem Bild verliert das Motiv seine sichere Abbildhaftigkeit, die Komposition wird, wie übrigens der Rohrschach-Tintenklecks, vieldeutig, und was der Betrachter letzten Endes in dem Bild sieht, besser, in das Bild hineinsieht, sagt u.U. mehr über ihn als über das Bild aus. Das ist aber ein Thema, das hier nicht vertieft werden kann. Jedenfalls versteht Ziegler es, uns mittels Reihung oder Spiegelung eines „normalen“ Fotos zu verführen, unserer Phantasie die Sporen zu geben, damit wir in der spekulierten Erklärung unsere Sicherheit wiederfinden. Dabei ist die Bildverrätselung durch das Zusammensetzen von Gegenständen zu einem größeren Ganzen ja nicht neu, hat doch schon der manieristische Giuseppe Arcimboldo in seinen „Gemüseportraits“ im 16. Jh. damit gespielt. Das Zieglersche Vorgehen ist allerdings radikaler und ohne Entwicklungen in der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts kaum denkbar. Auf den Fotos der Papierserien sieht man ein Nebeneinander vieler kleinteiliger Flächen ohne ein Zentrum oder eine andere dramatische Ordnung. Diese Bilder besitzen Charakteristika des Abstrakten Expressionismus, „multifocal overall“ wurde das zu Jackson Pollocks Zeiten genannt. Gleichzeitig versöhnt aber die ornamentale Anmutung, die durch die Wiederholung des gleichen Motivs und dessen spiegelsymmetrische Anordnung entsteht. Wie entspannend das Dekorative bei aller verunsichernden Verrätselung sein kann, zeigen die beiden Serien „Horizontale Strukturen“ und „Vertikale Strukturen“. Hinter den trockenen Titeln verbergen sich Bilder in kräftigen Farben und starken Kalt-Warm- und Hell-Dunkel Kontrasten. Auch hier setzt Ziegler ein Motiv mehrfach aneinander, zusätzlich kommt manchmal die Sandwichtechnik zum Zuge. Es entstehen extreme Längs- oder Querformate und die popfarbenen Kompositionen erweisen sich bei näherem Hinsehen zur Freude des Betrachters als äußerst gegenständlich. Und da wären wir bei einer angenehmen Eigenschaft der Zieglerschen Bilder, wenn man sie als Gesamt betrachtet: der Ausgeglichenheit. Zwischen Verschlossenheit und Mitteilsamkeit. Zwischen Strenge und Sanftmut. Zwischen Ernst und einer diskreten Heiterkeit. Allerdings ernsthaft sind sie alle und – da fällt mir kein besseres Wort ein konzentriert. Das liegt natürlich am Bildermacher Heinz Ziegler. Der bleibt bei der Aufgabe, bis die Sache stimmt. Der hat ein ausgeprägtes Gespür für ungewohnte Blickwinkel und die Wahl des richtigen Ausschnitts. Beides Fähigkeiten, die erst ihm und dann dem Betrachter ermöglichen, den Alltag „mit neuen Augen zu sehen“. Dabei schert er sich nicht darum, ob seine Fotos Abbild oder Abstraktion sind. Chameleonhaft bewegt er sich zwischen den Extremen, bedient beide – und alles Mögliche dazwischen. Flaniert man durch sein Werk, so glaubt man sich mal vor orientalischer Ornamentik, mal vor einem Urlaubsfoto, mal vor einem Stoff- oder Tapetenmuster in Pop Art Manier oder vor einem Landschaftsbild. Doch so heterogen die Bilder inhaltlich sein mögen, etwas hält sie zusammen: Zieglers guter Geschmack und sein Sinn für’s rechte Maß. Dies ist übrigens eine Tugend, die im Feld der Bildenden Kunst mehr Verbreitung verdient hätte.

Ich wünsche Ihnen eine ergötzliche Auseinandersetzung mit Heinz Zieglers Bildern, die er einfach Fotos nennt.

Max Busch

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19. Mai bis 24. Juni 2007

Peggy Kanacher

Wenn der Himmel die Erde berührt

Bronzen und Skulpturen

Laudatio

Peggy Kanacher wurde 1947 in Dortmund geboren und erhielt ihre künstlerische Ausbildung in Essen bei Tendrich und Rauschenberg, wo sie ein bildhauerisches Studium absolvierte. Danach ist sie bis heute zu als freischaffende Künstlerin tätig und lebt schon seit vielen Jahren zusammen mit ihrer Familie in Niederzier, Ortsteil Oberzier.Eine langjährige und erfolgreiche Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland haben sie und ihr schon mehrfach ausgezeichnetes Werk weithin bekannt und beliebt gemacht. Die zahlreichen Besucher hier und heute sind ein deutliches Indiz dafür, dass ihre auf den Menschen projizierte Kunst dort auch ankommt und verstanden wird. Es gibt wohl kein höheres künstlerisches Ziel, das darüber hinausgehen könnte.Nicht ohne Grund also gehört Frau Kanacher zu den bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Region und weit darüber hinaus. Erbringt sie doch mit ihrem Werk einen überzeugenden Beweis dafür, dass es immer noch möglich ist, auch außerhalb der Vielfalt modischer Strömungen und stilistischer Tendenzen einen eigenen Weg zu finden und erfolgreich zu beschreiten.Wenn sie sich bei der Umsetzung ihrer künstlerischen Visionen dem schwierigen Werkverfahren des Bronzegusses zuwendet, so zeugt dies nicht nur von großem Mut und Selbstvertrauen, sondern vor allem von einem feinen Gespür für das Material: Material als wesentliches Element dessen, was sich einmal als intakte Form präsentiert, darin Beweggrund und Intention ihres schöpferischen Tuns zum Ausdruck gelangen.In Peggy Kanacher begegnet uns überhaupt eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Künstlerin. Ihr damenhaft vornehmes Äußeres verschweigt diskret, dass sie außer in ihrem Atelier zuhause, wo Entwürfe und Modelle entstehen, einen Großteil ihrer bildnerischen Tätigkeit unter hart arbeitenden Männern einer Kölner Kunstgießerei verbringt. Unter Zischen und Rauchen treten dort  quasi aus dem Nichts der Negativform  ihre bronzenen Figuren hervor, mit einer archaischen Nachdrücklichkeit, die durch die Verwandlung der Feuerschmelze gegangen ist und Anspruch auf Ewigkeit erhebt.In der Dramatik dieses Geschehens liegt etwas Magisches, das die Menschen, quer durch alle Kulturen, schon seit frühester Zeit in seinen Bann gezogen und in unzähligen Götterbildnissen und anderen Kultobjekten sichtbaren Ausdruck gefunden hat.Die ältesten Bronzegegenstände und Votivgaben finden sich bereits Ende des 4. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung in ägyptischen Gräbern, ab dem 2. Jahrtausend auch in Europa. Zahlreiche Künstler in aller Welt haben diese alte Tradition über viele Jahrhunderte bis in die Gegenwart fortgeführt.Als bedeutende Bronzekünstler der Moderne gelten vor allem Rodin und Maillol, und etwas zeitnäher Moore und Marini.In deren Nachfolge entwickelten sich zahllose individuelle künstlerische Ausdrucksweisen, deren Spannweite von traditioneller Gegenständlichkeit bis zu völliger Abstraktion und extrem willkürlicher Formauflösung reicht. Doch die Auswüchse einer Sache erlauben bekanntlich noch keine Rückschlüsse auf die Sache selbst, denn auch heute noch glauben fast alle maßgeblichen Bildhauer an die Macht der Form.

Und Form ist auch alles, worauf wir im Werk Peggy Kanachers hingelenkt werden: Ihr Bekenntnis zur intakten Form beinhaltet auch immer den Glauben an die Ausdruckskraft formaler Mittel, selbst dann noch, wenn sie sich dabei oft weit vom vertrauten Äußeren ihrer Vorbilder entfernt und durch Reduktion auf Wesentliches ihren Figuren lebendige Ausdruckskraft verleiht.

Ausgangs- und Bezugspunkt ihrer Kunst ist fast immer der Mensch, sowohl als vornehmlichstes Objekt ihrer Darstellung wie auch als formgebendes, sich ausdrückendes Subjekt. In dieser Einheit von Form und Ausdruck manifestiert sich die Unmittelbarkeit und Lebensnähe ihrer bronzenen Figurenwelt.Zu erwähnen bliebe noch, dass das Material Bronze traditionell im sakralen Bereich breite Verwendung findet. Scheinen sich doch in der Gleichzeitigkeit von spiritueller Ausstrahlung und körperlicher Formwirklichkeit einer geweihten Bronzestatue, Himmel und Erde auf mystische Weise zu verbinden und menschliche Glaubensvorstellungen zu versinnbildlichen. Damit  sind wir bereits beim gedanklichen Bezug des Themas dieser Ausstellung angelangt: höchste Zeit also, Ihnen, meine Damen und Herren, Klaus Ahlert aus Jülich vorzustellen, den Laudator der heutigen Vernissage. Als Theologe und freischaffender Künstler zugleich ist er in besonderer Weise prädestiniert, uns die ins Bleiben verschlossenen tieferen Geheimnisse der Figurenwelt Peggy Kanachers zu erläutern..

 Franz Tiedtke                                                         Simonskall, den 19.Mai 2007

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14. Juli bis 26. August 2007

 

Otmar Alt

Männlich - Weiblich

Graphiken, Gemälde, Keramiken, Glasfenster

 

Große Kunst im kleinen Museum „Junkerhaus Simonskall“

 

Mit seiner Ausstellung „männlich – weiblich“ unterstützt Otmar Alt die Bemühungen des Kunstvereins HöhenArt Hürtgenwald um die Bewahrung der Erinnerung an die Künstlerkolonie „Kalltalgemeinschaft“, die im Simonskall der 1920er Jahre existiert hat.

Otmar Alt ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Er zeigt  über 40 Graphiken, Gemälde, Keramiken und Glasfenster allerneuesten Datums im Junkerhaus Simonskall.

Des weiteren symbolisiert ein großes Stand-Mobile die Thematik seiner Ausstellung „männlich – weiblich“, zu deren Eröffnung am kommenden Samstag (14. Juli)  um 16 Uhr Otmar Alt persönlich anwesend sein wird. Zu diesem großen Ereignis für das kleine Museum sind alle Freunde und Verehrer des Künstlers wie auch des veranstaltenden Kunstvereins HöhenArt Hürtgenwald sehr herzlich eingeladen.

Laudatio

Sehr geehrter Herr Tiedtke! Verehrte Frau Schlader!

Sehr geehrter Herr Schlader! Mein lieber Freund Otmar Alt!

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kunstfreunde!

Das Wetter meint es gerade heute endlich einmal wieder gut mit uns. Die Sonne lacht. Ich deute dies als ein in jeder Hinsicht gutes Zeichen und ein positives Omen für diesen Nachmittag im Junkerhaus von Simonskall, wo wir auf Einladung des Vereins HöhenArt e.V. gewissermaßen bei einer Midisage uns mit den Künstlern Otmar Alt, Anja und Arno Schlader treffen, deren gemeinsam geschaffene Kunstwerke hier ausgestellt sind. Bilder. Plastiken und Schmuckobjekte. Wir werden sicherlich einen kreativen und inspirierenden Gedankenaustausch haben.

Zu diesem Haus brauche ich Ihnen nicht viel zu sagen. Als Ortsansässige sind Sie mit seiner Geschichte sicherlich bestens vertraut. Für mich gab es bei der Vorbereitung freilich einige interessante Hinweise und Aspekte, die mich in der Tat sehr neugierig gemacht haben.

Ich möchte an dieser Stelle nicht verhehlen, dass der heutige Termin für mich zugleich ein Stück Heimatkunde und Anknüpfung an meine Wurzeln bedeuten. Denn als jemand, der vor über 50 Jahren in Düren geboren wurde, ist der Hürtgenwald und seine Geschichte, sind das idyllische Ruhrtal und der liebenswerte Flecken Simonskall auch mit Erinnerungen an meine Jugend verbunden.

Ich habe recherchiert und nachgelesen, dass es hier im Junkerhaus zu Beginn  des letzten Jahrhunderts die Episode einer Künstlerkolonie, die sogenannten „Kalltalgemeinschaft“ gegeben hat. Diese Gemeinschaft hat hier zwischen 1919 und 1921 gelebt und auch fleissig gearbeitet. Zu ihr zählten die „Kölner Progressiven“, also Künstler wie Franz W. Seiwert, Heinrich Hoerle, Otto Freundlich sowie der Schriftsteller Carl Oskar Jatho und seine Frau Käthe Jatho-Zimmermann.

Ich erwähne dies, um damit gewissermaßen nahtlos zu den drei Künstlern überzuleiten, derentwillen wir ja hier heute zusammengekommen sind: Otmar Alt sowie Anja und Arno Schlader. Auch wenn die Zusammenarbeit unserer drei Protagonisten nicht einer sogenannten Künstlerkolonie, a la Simonskall, Worpswede oder Weimar, a la Schöppingen oder Hiddensee entsprungen ist, darf man diese doch mit Fug und Recht als eine ganz besondere Künstlerkooperation bezeichnen. Die Kunstwerke dieser Ausstellung sind erst vor kurzem entstanden. Sie sind Ausdruck einer über viele Jahre gewachsenen Freundschaft. Sie feiern den zehnten Jahrestag einer kreativen und stets produktiven Auseinandersetzung.

Otmar Alt und Anja sowie Arno Schlader haben gemeinsam etwas geschaffen, bei dem die Handschrift jedes Einzelnen mit der des anderen verschmolzen ist – selbst da, wo auf den ersten Blick nur Otmar Alt drin zu stecken scheint. Aber um es klar zu sagen: ohne die handwerkliche Kunst und die meisterlichen Fähigkeiten der beiden Schladers wäre es nicht zu dieser Symbiose gekommen. Hier also ist etwas gelungen, was – Künstlerkolonie hin oder her – oder bei den sog. „Künstlerpaaren“ tatsächlich nur in Ausnahmefällen gelungen ist. Zu sehr ist das Künstlerdasein offenbar mit der  Inszenierung von Genialität und Individualität verbunden. In der Regel begegnen uns Kunstwerke als kongenialer Schöpfungsakt eines Einzelnen, deutlich an dessen Handschrift und an den wiederkehrenden Motiven sowie Themen erkennbar.

Wenn Teamwork in der Kunst gelingt, wie hier in dieser Ausstellung bei Alt und Schlader, schafft sie Werke, die wirken, als ob sie aus einer Hand stammen und von einem kreativen Geist erdacht und konzipiert sind. Es kann dann nachträglich nicht mehr genau zugeordnet werden, wer was entworfen, was erfunden und was gemacht hat, abgesehen natürlich von den rein handwerklichen Professionen, die sich aufteilen nach den Sparten Malerei, Keramik und Schmuck.

Es ist ein echter Glücksfall, wenn Künstler unterschiedlicher Gattungen und Handschriften, Techniken und Lebensphilosophien es schaffen, sich in gemeinsamen Werkprozessen zu begegnen und zu ergänzen. Die Grundlage für das gemeinsame Schaffen liegt in der engen Kommunikation und innigen Verständigung der drei Künstler, vielleicht auch in einer Art Seelenverwandtschaft.

Die Ausstellung trägt durchaus mit einer Portion Rätselhaftigkeit den Titel „männlich – weiblich“, was auf einen scheinbar ewigen Antagonismus hinweist. Einen metaphorischen Gegensatz freilich, mit dem sich die Künstler eher versteckt, denn offen in ihren Kunstwerken beschäftigen.

Männlich – weiblich, das war eben nicht der Ausgangspunkt oder gar das Motiv ihrer Arbeit, sondern es ist ein Titel, der sich im Nachhinein als das geniale Etikett ergeben hat. Es ist im übrigen eine Anspielung an eine Szene aus der modernen Oper „Die Eroberung von Mexiko“, für deren Münsteraner Inszenierung im Jahre 2004 Otmar Alt die Ausstattung, Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat.

Männlich – weiblich. Das klingt nach einem schroffen Gegensatz. So wie Schwarz und Weiß, wie Ja und Nein, Positiv und Negativ, Tag und Nacht, Leben und Tod, Gut und Böse. Dabei ist das Eine ohne das Andere nicht denkbar. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Beide sind aufeinander verwiesen. Das Eine ist ohne das Andere nicht denkbar. Beides ist gewissermaßen nur die Kehrseite der einen Medaille. Männlich – weiblich. Schwarz und Weiß, Ja und Nein, Positiv und Negativ, Tag und Nacht, Leben und Tod, Gut und Böse.

In den hier ausgestellten Werken ist das ewige Spiel der Geschlechter in unzähligen Symbolismen und Chiffren zu entdecken. Manchmal springen diese einem geradezu ins Gesicht. Wie übrigens die allermeisten Kunstwerke eines Otmar Alt von einer Vielzahl lebensbejahender, lustvoller, erotischer Symbole bevölkert sind. Durch den bunten Kosmos des Künstlers fliegen wie von ungefähr unzählige Geschlechteile wie Sterne und Planeten umher oder sie haften wie ein Ornament oder als Zierat an den Hauptfiguren des ausgebreiteten Panoptikums. Mal versteckt und zaghaft wie die verschämten Kritzeleien eines Pubertierenden, dann wieder offen und unverblümt, prall und lüstern wie bei einem besessenen Eromanen. So ist das Faible des Künstlers für dralle weibliche Brüste ist unübersehbar. Die Chiffren spielen unverhohlen mit den Assoziationen des Betrachters. Sie provozieren voller Schalk Wolllust bei den einen oder  Scham bei den anderen.

Wir haben es bei dem Künstler Otmar Alt mit einem Phänomen zu tun: Seine Arbeiten scheinen jedem, der mit ihnen einmal in Berührung gekommen ist, vertraut und bekannt zu sein. Alts Bilder sind zumeist von fröhlich-leichter Farbigkeit und scheinen sich dem Betrachter ganz unmittelbar zu erschließen. Sie sind schlichtweg populär. Das stimmt, und es stimmt zugleich nicht. Wer sich mit der Welt des Künstlers Otmar Alt beschäftigt, der begegnet schnell jenem weit verbreiteten Etikett. Für die meisten seiner Anhänger ist das eher eine Auszeichnung. Für die elitäre Kunstkritik bereits Argument genug, sich gar nicht erst mit ihm ernsthaft auseinander zu setzen.

Seiner typischen Handschrift, seiner wiederkehrenden Botschaft und seiner ansteckenden Lebensfreude wegen wird er gerne in einem Atemzug genannt mit Keith Haring, Romero Britto und James Rizzi. Auch ihnen wird die Vermarktung ihrer Werke vorgehalten, ohne allerdings ihren Erfolg damit im Mindesten zu beeinträchtigen. Ein ähnliches Verdikt musste selbst die Avantgarde der Pop-Art aushalten – von Roy Lichtenstein bis Andy Warhol – oder es traf Künstler wie Niki de Saint-Phalle oder Friedensreich W. Hundertwasser.

Otmar Alt hat in seinem Leben schon viele Wendungen vollzogen, seine Kunst hat zahlreiche Wandlungen durchgemacht. Für diese Wahrnehmung darf man sich allerdings vom ersten Augenschein nicht blenden lassen. Sein Oeuvre erzählt unter seiner bunten Oberfläche von einer schicksalsreichen Biographie, von vielen Vorstößen in unbekanntes Terrain und seiner unermüdlichen Sinnsuche. Dabei sind seine Werke immer authentisch, ihre Machart stets unmittelbar ihm zuzuordnen. Die Motive, Anlässe und Themen allerdings sind wechselvoll, vielfältig und unstet. Sie zeugen von einem höchst kreativen Geist, der die Widersprüche der Welt mit seinen Augen sieht, sie entzaubert, indem er sie verzaubert und in reine Poesie verwandelt

Der Betrachter entdeckt zuerst jene Farbigkeit aus knall-bunten Acrylfarben. Diese spricht ihn wie gewohnt ebenso aggressiv wie munter an. Er entdeckt Figuren und Motive wieder, die er schon an anderer Stelle in dieser oder jener Variation gesehen hat. Hier die Katze und dort den Vogel, hier den Harlekin und dort die Hexe. Seit einigen Jahren sieht sich Otmar Alt selber gerne als der KünstlerRabe, der wie ein eine Bildmarke oder neudeutsch formuliert wie ein Tag beinahe in jedem Bild wiederkehrt.

Ich möchte Sie jetzt ermutigen, sich mit offenen Augen und ebenso offenen Empfindungen auf die Suche zu begeben. Ich denke, der Schlüssel für die Annäherung an die hier ausgestellten Kunstobjekte liegt in der Phantasie – in der Phantasie der Künstler einerseits und in Ihrer Phantasie andererseits. Chiffren und Zeichen, ja die Bildsprache selber ist nur mit einem solchen phantasievollen Zugang zu würdigen.

Wie man hört, waren die Künstler selbst mitunter überrascht, was ihrer Phantasie und ihrer gemeinsamen Arbeit entsprungen ist. Kein Wunder: Künstlerisches Schaffen ist ein Prozess, deren Ausgang jedes Mal wieder überrascht. Die Künstler lassen sich auf eine Suche und ein Entdecken ein, die eben nur ein Künstler erleben können.

Die hier ausgestellten Werke strahlen pure Lebensfreude, Lebenslust und pralle Erotik aus. Wenn man von einer vordergründigen Wirkung, vielleicht gar einer Botschaft, ausgehen will, dann sind sie es, die den Betrachter als erstes und unmittelbar erreichen. Und doch ist in den Bildern für jeden, der sehen mag, viel mehr zu entdecken. So ist in ihnen völlig unaufdringlich eine vielschichtige (Lebens-)Philosophie und eine große Lebenserfahrung verborgen. Unübersehbar der Kosmos eines Otmar Alt. Etwas zurückhaltender die Symbolismen eines Arno Schladers.Der Experimentierlust und dem unermüdlichen Schaffensdrang des vielseitigen Künstlers Otmar Alt scheinen keine Grenzen gesetzt. Die Auseinandersetzung mit immer neuen Materialen und Techniken ist für ihn eine beständige Herausforderung. Das auch ist das Motiv einer so kreativen Kooperationen wie die mit Anja und Arno Schlader.So sind neben Gemälden, Grafiken und Skulpturen, neben Keramiken, Glasarbeiten und Schmuck auch Kinderbücher, Plakate, Wand- und Fassadengestaltungen, Springbrunnenanlagen, Bühnenbilder und vieles andere mehr entstanden.

Ebenso wenig Berührungsängste in Bezug auf Materialien zeigt Otmar Alt auch in Bezug auf die Popularisierung von Kunst: Ob es sich um die Gestaltung von Telefonkarten, Porzellan, Autos, T-Shirts, Regenschirmen oder Kinderspielzeug oder gar eines kompletten Eisenbahnzuges wie bei der Dürener Kreisbahn handelt, Otmar Alt zeigt sich offen und lässt sich auf das phantastische Wagnis ein, ohne sich dabei zu verkaufen oder seine künstlerische Freiheiten preiszugeben. Aus Gebrauchsgegenständen werden so Kunstwerke, die übrigens jedermann – unabhängig von Alter und Bildungsstand – zugänglich sind.

„Kunst kommt von Künden“, sagt der Künstler Otmar Alt. Er betont damit nicht nur die Wirkung eines Kunstwerkes auf den Betrachter, sondern unterstreicht zugleich die Verantwortung des Künstlers. Otmar Alt fühlt sich herausgefordert, eine breite Öffentlichkeit für die Kunst zu interessieren. Denn – verzeihen Sie mir hierbei die Anleihe beim Werbeslogan einer bekannten Modebrause – Kunst verleiht Flügel. Oder um es mit den Worten des Künstlers zu sagen: „Schönes zu erleben gibt Kraft. Ich möchte die Menschen mitnehmen auf die Reise der Phantasie.“

Wenn uns der „Kleine Prinz“ von Saint-Exupery unauslöschbar in unser Bewusstsein geschrieben hat, dass man nur mit dem Herzen gut sehen kann, dann können wir hier mit Otmar Alt, Anja und Arno Schlader ergänzen, dass uns im Bereich der Kunst mitunter alleine die Phantasie weiterbringt. Der Künstler übersetzt die Zeichen einer anderen Welt. Denn: Menschen mit Phantasie erleben in der Wirklichkeit Dinge, wovon andere nur träumen können. Ich möchte Sie jetzt ermutigen, sich auf ihre Weise auf die Bilder, Objekte und Schmuckstücke einzulassen. Unbefangen, neugierig und offen für das, was sich bei Ihnen in Ihrem Inneren bewegt. Die Phantasie kennt keine Grenzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Jörg Bockow

14. Juli 2007

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1.September bis 28. Oktober 2007

 

Günter Limburg

Spuren

Gemälde, Grafiken und Ytongstelen

Laudatio

Denken wir uns. Denken wir uns euch, das Salz der Erde nicht nur, sondern auch den Dünger jedweder Kunst: An wen wollten wir uns denn wenden, wenn es euch nicht gäbe?

 

 

So beginnen die soeben erschienenen Erzählungen von Robert Gernhardt. Am 30. Juni letzten Jahres ist der Schriftsteller, Maler, Karikaturist und Zeichner verstorben. Stimmt das, was hier post mortem im Vorwort seines Buches behauptet wird?

 

Denken wir uns! Denken wir uns? Fühlen wir uns? Und brauchen wir dafür Kunst? Seit ich vor gut fünf Jahren der Malerei von <personname>Günter Limburg</personname> begegnete, weiß ich, dass ich – manches mal – dieser Kunst bedarf, um mich zu denken, zu fühlen, zu verstehen. Bilder, Skulpturen, als Brücke zu mir selbst. Andere Gründe sich mit Kunst auseinander zu setzen halte ich heute für verfehlt. Es sei denn man ist selbst Künstlerin oder Künstler oder man sieht Kunst als Kapitalanlage.

 

Sie werden heute von mir keine Erklärung der Kunst von <personname>Günter Limburg</personname> hören. Allenfalls einige Hinweise, die Ihnen wiederum Mut machen könnten sich selbst angesichts seiner Werke zu denken, zu fühlen. Seien sie begeistert von dem was Sie sehen, ärgern Sie sich oder stellen Sie Fragen. Es werden immer Fragen nach der eigenen raison d`etre  sein. Alles ist möglich. Und begegnen Sie dabei sich selbst.

 

Auch wenn der Weltzustand, in dem es zum guten Ton gehörte die eigenen Ergriffenheit zu leben und zu demonstrieren längst Geschichte ist, suchen Menschen heute wieder neu die Begegnung mit Gefühlen, Gedanken, mit den Tiefen ihrer Existenz. Und so wie es eine Tiefenpsychologie gibt als Fachrichtung einer Lehre vom Menschen, so sollte es auch eine Tiefenkunst geben.

 

Eine solche Kunst hat aus den Tiefen, d.h. aus den Geheimnissen menschlicher Existenz zu schöpfen. Und das heißt immer auch: sie schöpft aus dem – unerkannten – Überfluss menschlichen Lebens. Auch wenn die Bedingungen unter denen Kunst entsteht nicht von diesem Überfluss zeugen, sondern durchaus spröde und lebensfeindlich sein können. So war es bei den Künstlern der Kalltalgemeinschaft die hier lebten, liebten und arbeiteten. So gilt es durchaus auch für die Situationen in denen <personname>Günter Limburg</personname> seine Bilder und Skulpturen schafft. Kreativer Überfluss unter den Bedingungen real existierender Sachzwänge. Das schaffen nur wenige von uns. Die, denen es gelingt, nennen wir zu Recht Künstler.

 

Um Robert Gernhardt noch einmal ins Gespräch zu bringen: an wen wollten sich die Künstler wenden, wenn nicht an uns?  Deshalb: die Malerei von <personname>Günter Limburg</personname> sehen wir, die Skulpturen sind da. Lebendig, wirksam wird diese Kunst aber erst durch Ihren persönlich, individuellen Blick. Und dann gilt: lassen Sie sich verzaubern. Warten Sie nicht auf Erklärungen. Niemand kann Sie oder die Kunst erklären. Aber überraschen lassen können Sie sich – von dieser Kunst, die wir hier um uns haben.

 

<personname>Günter Limburg</personname> gehört zu den Zauberern, die aus dem Blick auf die Umwelt eine Seelenlandschaft erschaffen – die Landschaftsbilder hängen eine Etage höher. In seinen Bildern vom Menschen zeigt er den am Mangel geschulten Menschen Zugänge zum Glück und Ausgänge aus einem falschen Leben. Immer konfrontiert er mit bestehenden Situationen und entbindet neue Möglichkeiten, neuen Zauber des Seins. Aber das müssen Sie schon selbst entdecken….

 

Ich habe gesagt, dass ich niemandem die Kunst von <personname>Günter Limburg</personname> erklären möchte oder kann. Dies wäre eine Anmaßung. Aber eines will ich noch einmal betonen: Wenn Reichtum das Vermögen ist, Optionen für Besonderes zu treffen, dann sind und dann machen diese Bilder und Skulpturen reich. Und dabei denken ich nicht an den Künstler selbst, sondern an uns, die wir alle nicht in der Lage wären, die Dinge des Lebens – auch unseres eigenen Lebens – so zu gestalten, wie wir es hier vorfinden. Auch deshalb trägt die Ausstellung zu Recht den Titel „Spuren“. Die Spuren der Kunst von Menschen, die hier lebten, die Spuren <personname>Günter Limburg</personname>s der in seiner „art“ diesen Menschen nachgegangen ist und nicht zuletzt die Spuren der Menschen, die sich von dieser Kunst berühren lassen.

 

Mein Bekenntnis zum Schluss: seit über fünf Jahren feiere ich meine Siege und meine Niederlagen mit dem Blick auf Bilder und Objekte, die aus der Hand <personname>Günter Limburg</personname>s stammen. Sie haben meinem Leben standgehalten. Welch eine Liebeserklärung soll man heute der Kunst sonst noch machen wenn nicht die, das man sein Leben mit ihr teilt?

 

 Ute Albert-Kirschbauer, Simonskall am 1. September 2007

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01. November bis 23. März 2008

Dokumentation "Experiment Kalltalgemeinschaft

- die Kölner Progressiven in Simonskall 1919 bis 1921"

Texttafeln mit biografischen Daten und digitale Reprints

Details finden Sie unter Kalltalgemeinschaft

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