
Gemälde, Zeichnungen, Objekte
Ewald Blaeser wurde 1949 in Düren geboren, wo er auch seine Schul- und Berufsausbildung absolvierte. Schon früh wendet er sich der Kunst zu und betreibt autodidaktische Studien der Malerei, insbesondere die der großen Surrealisten Max Ernst, Salvador Dali, René Magritte. Über Graphit- und Tuschezeichnungen gelangt er zu Ölmalerei und Farbe. Von 1974 -76 Graphikstudium in Darmstadt. Anschließend arbeitet er als Dekorations- und Bühnenmaler, später als Restaurator der Frühwerke von Prof. Arno Breker auf Schloss Nörvenich. Er kann sich inzwischen auch mit eigenen Werken als Bildender Künstler etablieren und erhält 1983 den international ausgeschriebenen Kunstpreis „Dimple Drink Art“. Weitere Ehrungen folgen, er stellt in Aachen, Hamburg, Kassel, Düsseldorf, Köln, Jülich, Heimbach und Nideggen aus. 1988 gründet er sein erstes Atelier in Nideggen und arbeitet fortan als freischaffender Künstler. Mit seiner Ausstellung „so gesehen – wie man sieht“ im Junkerhaus Simonskall präsentiert E.BLAESER zum ersten Mal eine Auswahl seines künstlerischen Schaffens in seiner Wahlheimat Hürtgenwald, wo er seit 1999 lebt und arbeitet. Neben graphischen Arbeiten und Malereien stellt er hier auch Reliefs und vollplastische Objekte aus.
Herr Bürgermeister, Herr Vorsitzender des Vereins HöhenArt, verehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,
die Titelung dieser Ausstellung >>so gesehen wie man sieht<< beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Sichtweise und deren Veränderung im Laufe der Zeiten. Der Maler, Zeichner, Graphiker und Bildhauer – Ewald Blaeser – kombiniert mit Vorliebe Fragmente einzelner Epochen und bringt diese in den zeitgenössischen Kontext. Zeit seines Lebens war und ist er auch heute noch ein Rebell, der sich stets gegen die traditionelle Kunst gewandt, nach neuen Ausdrucksformen sucht. Dementsprechend vielseitig gestaltet sich sein umfangreiches Schaffen, das sich besonders in der konzentrierten Werkauswahl zeigt.
Schiller hat nach seiner Kant-Lektüre schon vor 200 Jahren proklamiert, dass der Mensch nie die Wirklichkeit erkenne, sondern diese sich ihm als Idee von der Wirklichkeit zeige. Es war der Grundgedanke der Aufklärung, dass unsere Erkenntnis immer nur eine Konstruktion der Wirklichkeit in Zeit und Raum ist.
Die hier gezeigten Arbeiten sind äußerst kompromisslos und bieten einen Blick auf das Leben, so als hätte man es zuvor nie gesehen, geschweige denn gemalt. Ewald Blaeser demonstriert, dass alle Materialien gleichermaßen als künstlerisches Element annehmbar sind.
Der Blick, was künstlerisches Schaffen zu leisten vermag, wird erweitert und überbrückt erfolgreich die Kluft zwischen Kunst und Leben. Es ist faszinierend zu sehen, wie Blaeser außergewöhnliche Methoden der Bildgestaltung entwickelt, um mit ihnen sein eigenes existenzielles Bewusstsein in seinen Arbeiten zu projizieren oder den Versuch macht, durch Einfühlung die existenziell >>unbeschreibliche Einzigartigkeit<< anderer auszudrücken.
Der Mensch als Reisender auf der Suche nach dem Paradies? Wenn der Mensch keine Rücksicht auf seine Wurzeln nimmt, wird er das zerstören, wonach er sucht. Man kann nicht in die Zukunft blicken, ohne das Vergangene verstanden zu haben.
Es entwickeln sich im Laufe der Zeit Geschichten und Spuren, die es zu durchdringen gilt. Hier liegt der hohe Anspruch von Ewald Blaeser an den Betrachter: er zeigt auf, vereinnahmt, regt an zum Nachdenken, lässt genügend Spielraum, um zu eigenen Erkenntnissen zu gelangen.
Selbst die scheinbar einfachen Dinge erfahren somit eine neue Wertigkeit und unterliegen ihrer eigenen Rätselhaftigkeit in der Wahrnehmung der sichtbaren Welt. Ein qualitativ hoher und präziser künstlerischer Stil ist bei aller Experimentierfreudigkeit Ewald Blaeser´s zu eigen und entspricht ganz seiner Professionalität. Der aktive Betrachter wird – besonders bei dieser Ausstellung – gefordert, seinen eigenen Standpunkt mit der künstlerischen Arbeit abzugleichen und sich mutig sensibilisiert dem direkten Dialog zu stellen.
Meine Damen und Herren, für Ihren offenen und neugierigen Blick gibt es heute sehr viel Interessantes zu entdecken. – Vielen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort!
Gabriele C. Berndt
Präsidentin des EZBKL
Neuere Gemälde und Zeichnungen
Wir freuen uns sehr, Ihnen mit dem Maler Herb Schiffer eine Künstlerpersönlichkeit präsentieren zu können, die alle Attribute großer Genialität und Schöpferkraft in sich vereint. Unter den professionellen Kunstschaffenden unserer Region nimmt er einen der aller vordersten Plätze ein und genießt noch weit darüber hinaus hohes Ansehen.
Im Laufe seines nun schon gut 40Jahre währenden Tätigseins als freischaffender Maler hat er mit weit über 500 Glasbildern, Ölgemälden, Wandmalereien, Aquarellen, Zeichnungen und vielem anderen mehr ein kaum noch überschaubares Gesamtwerk geschaffen, das von großer Ausdrucksstärke und unverwechselbarer Individualität geprägt ist. Mit der langen Reihe seiner Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in namhaften Museen und Galerien des In-und Auslands, bis in so ferne Städte wie beispielsweise Florenz, Rio de Janeiro, New York und Bombay, konnte er sich auch international profilieren und entsprechend weit sind heute seine Werke verstreut.
Schon seit Anfang der 19hundert70er Jahre mehrten sich für den Teuwen-Schüler der Kölner Werkschulen und Absolventen der Ecole National Superieur des Beaux-Arts in Paris die öffentlichen Aufträge im sakralen Bereich. Heute schmücken seine Glasbilder über 40 Kirchen mehrerer Bistümer in Deutschland. Des Weiteren noch viele Einrichtungen anderer Konfessionen sowie öffentliche Gebäude und Privathäuser.
In der näheren Umgebung befinden sich Beispiele seiner Glasmalerei unter anderem in Sankt Lambertus in Morschenich, Heiligkreuz und alter Stiftskirche in Wollersheim, Sankt Nikolaus in Aachen und den evangelischen Gemeindezentren von Lammersdorf und Aachen-Brandt. Außerdem im deutschen Glasmalerei-Museum in Linnich, wo sie zusammen mit denen anderer bedeutender Glaskünstler die lokale Ausformung der zeitgenössischen Glasmalerei Deutschlands repräsentieren.
Doch das was sich heute wie eine einzige Erfolgsgeschichte darstellt und so einfach und selbstverständlich wie das logische Resultat aus Begabung, Können und Fleiß erscheint, bedurfte allergrößter Anstrengungen sowie unerschütterlicher Beharrlichkeit und Selbsttreue. Herb Schiffer ist nie etwas geschenkt worden oder einfach so zugefallen. Er hat für alles was er heute ist und hat sehr hart arbeiten und viele Entbehrungen auf sich nehmen müssen.
Erfolg kommt eben nicht von ungefähr und wird nur dem zuteil, der sein Ziel genau kennt und beharrlich daran festhält. Das dazu ebenso eine große Portion Glück gehört, weiß auch er und ist ehrlich genug, dies zuzugeben. Denn sowohl aus eigener als auch aus der Erfahrung seiner Studenten von der FH für Gestaltung in Aachen, an der er über viele Jahre als Dozent tätig war, weiß er nur allzu gut, wie hart der Weg zu Erfolg und Ansehen gepflastert ist.
Auch sein eigenes Leben nahm schon früh eine schicksalhafte Wende, als er sich nämlich als 14jähriger Internatsschüler vom Kloster Overbach dazu entschloss, Maler zu werden. Schlüsselerlebnis war ein Besuch in der Atelierwerkstatt von Mönchbruder Konrad, der mit Restaurationsarbeiten vom Krieg beschädigter Kunstwerke des Klosters beschäftigt war und Herb Schiffer die große Faszination des künstlerischen Tuns eröffnete, die ihn fortan nicht mehr loslassen sollte.
In seinem Elternhaus in Jülich, wo er 1936 geboren wurde, zeigte man für seine künstlerischen Neigungen jedoch nur sehr wenig Verständnis. Denn nach dem Willen seines Vaters hätte er, wie dieser, einmal Zahnarzt werden sollen oder allenfalls Schuster oder Schneider – aber niemals ein Künstler. Und darum versuchte der enttäuschte Vater mit allen Mitteln erzieherischer Einflussnahme dem Sohn diese Flausen wieder auszutreiben und ging dabei später soweit, dass er dessen Bewerbungsmappe für die Akademie mit sämtlichen Unterlagen kurzerhand zerriss.
Doch spätestens jetzt zeigte sich, aus welchem Holz Herb Schiffer geschnitzt ist, er ließ sich nicht beirren oder umbiegen. Und so absolvierte er sein Studium der Malerei als mittelloser Werkstudent, der nebenbei in Fabriken und auf Baustellen jobbte um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Zu seiner Pariser Zeit, als er einmal mit Picke und Schaufel in einem Erdloch schuftete und ihm von oben jemand zurief: „Mensch Schiffer, was machen Sie denn da?!“, da erkannte er diese Stimme, samt ihrem vorwurfsvollen Unterton sofort. Denn es klang genau wie damals wenn er eine Klassenarbeit versiebt hatte: es war nämlich sein Lateinlehrer vom Jülicher Gymnasium. In diesem Augenblick wurde ihm schmerzhaft bewusst, wie tief unten er noch war und wie weit entfernt von seinem hochgesteckten Ziel.
Als er nach Abschluss seines Studiums der Malerei 1961 sein erstes Atelier in Jülich eröffnete, stand er zunächst noch stark unter dem Einfluss von Paul Gauguin, dessen Werk er in Paris begegnet war. Und so entstanden zunächst Bilder im cloisonnistischen Stil der Maler von Pont Avent, der dem linearen Wirkungsprinzip der Bleirute verwandt ist und u.a. die Jugendstilmalerei geprägt hat. – Eine kleinformatige Landschaftsstudie in Ölfarbe aus dieser Phase seines Schaffens hängt heute im neuen Atelier von Herb Schiffer in der Binsfelder Straße in Düren, das er im vergangenen Jahr bezogen hat.
Dank seiner umfassenden akademischen Ausbildung und intensiver Studien der alten Meister bis zurück in die Renaissance sowie Landschaftsstudien in der Bretagne, Normandie und Toskana, fand er jedoch sehr schnell zu einer eigenen und unverwechselbaren Formensprache, die es ihm ermöglichte, mittels einer realistischen und linear vereinfachten Kompositionsform – in deren Mittelpunkt der Mensch steht – eine überzeugende Synthese zwischen Klassik und Moderne zu schaffen.
In der anfangs von ihm bevorzugten Glasmalerei dominierten durch Reduktion auf ihre spirituellen Bedeutungsinhalte schematisch abstrahierte Symbolfiguren biblisch-mythischer Glaubensvorstellungen vor der bunt leuchtenden Kulisse einer geometrisch-floralen Ornamentik aus Farbe und Licht.
In seiner freien Malerei machten sich schon bald Einflüsse der oberitalienischen Landschaft und Kultur, insbesondere der „Commedia dell´ arte“ bemerkbar, die bis heutezu erkennbar geblieben sind. Reisen und Studienaufenthalte hatten seine Liebe zu Italien geweckt, wo er zeitweise auch einen zweiten Wohnsitz hatte. Später verbrachte Herb Schiffer eine künstlerisch sehr ergiebige und fruchtbare Zeit in Brasilien, wo er in sehr enge Berührung mit den alten Sagen, Sitten und Gebräuchen des Landes kam, die die Thematik seiner Malerei um viele neue Elemente bereicherten.
Sein Malstil blieb jedoch im Wesentlichen bis heute nahezu unverändert, darauf hatten auch die Kunstströmungen der Zeit nur wenig direkten Einfluss. Herb Schiffer blieb zwar stets ein genauer Beobachter der Szene, doch für ihn, den Maler der großen Gefühle und Leidenschaf-ten, der Mythen und Mysterien, hatte all das, was
Die Kontinuität seines thematisch geschlossenen und stilistisch durchgängigen Werkes, mit seiner klassisch anmutenden konkreten Figürlichkeit, ist ein Novum in der kurzlebigen Erscheinungsvielfalt zeitgenössischer Malerei. Darin gelangt wohl jene buddhahafte innere Ruhe und Gelassenheit zum Ausdruck, die zu den primären Wesensmerkmalen seiner Person gehören. Und genau wie der Buddha, dessen Beleibtheit das Wissen der Welt und die Klugheit und Weißheit von 3000 Frauen symbolisiert, so scheint auch Herb Schiffer alles, wonach er in seiner Kunst sucht, in sich selbst zu finden.
Es versetzt einen in allergrößtes Erstaunen, wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit er seine Bilder malt und sich dabei immer noch zu steigern vermag. Gerade so, als könnte er aus einem unerschöpflichen Vorrat an Vorstellungen und Ideen, fertige Entwürfe auf die Leinwand zaubern und dabei – fast wie nebenbei – Kunstwerke von magischer Kraft und Schönheit erschaffen.
Wenden wir uns nun der neueren Malerei von Herb Schiffer zu. Aus Platzgründen konnte er zwar „ nur mit halbem Gepäck“, also ohne Glasbilder, nach Simonskall anreisen, dafür jedoch mit sehr exquisiten Neuschöpfungen seiner Malkunst. Da deren Farbe zum Teil tatsächlich noch nicht ganz trocken ist, erleben Sie heute eine Vernissage, die der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes ziemlich nahe kommt.
Schon der Titel der Ausstellung „ Das Sein und das Schweigen“ ist ambivalent und erlaubt verschiedene Lesarten wie beispielsweise: als kurz gefasste Umschreibung des Wesenhaften von Bildern allgemein, als verdeckter Hinweis auf den thematischen Hintergrund seiner neueren Malerei, oder als Anspielung auf die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit. Darüber hinaus assoziiert er aber auch widerspruchslose Ergebenheit in das menschliche Schicksal sowie heimliches Aufbegehren gegen gesellschaftliche Normen und Zwänge unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
Noch viele andere Interpretationen sind möglich und zeigen einmal mehr, dass Eindeutigkeit und klare Direktheit noch nie zum stilistischen Repertoire Herb Schiffers gehörten. Er war schon immer ein Meister der magischen Zeichen und Symbole, verschlüsselter Anspielungen und Botschaften, verborgener Gesten und anderer Heimlichkeiten, die den Betrachter neugierig machen, seine Phantasie anregen und zu tieferen Betrachtungen veranlassen.
In der surreal überhöhten Symbolik seiner Malerei offenbart sich das menschliche Sein als ein einziges großes Mysterium, dessen tiefere Geheimnisse er jenen kühlen Weiblichkeiten in Verwahrung gibt, die uns wie Nornen von den Bildern herab so überlegen anschauen als ob sie alles wüssten und selbst noch den Betrachter durchschauen könnten.
Befragt man die neuere Malerei Herb Schiffers nach Unterschieden zu seiner bisherigen so sind vor allem gewisse Veränderungen ihrer thematischen Ausrichtung erkennbar. Die Hauptrolle bleibt zwar weiterhin dem Menschen vorbehalten, jedoch nicht mehr so sehr als typisierter Rollenträger einer „Commedia dell arte“, sondern als fein zisiliertes Individuum in der schicksalhaften Verstrickung seines Frau - oder Mannseins, mit allen Wendungen und Widersprüchlichkeiten des Lebens bis hin zu dessen bitterem Ende.
Kulissen und gedankliche Hintergründe sind vielfach eine traumhaft-fiktive Mischung aus Vorstellung und Phantasie. Die Affinität zur oberitalienischen Landschaft und Architektur ist ein wenig zurückgenommen. Stattdessen sind seine neueren Bilder vielfach mit konkreten Elementen des heimatlichen Raumes ausgestattet. Häufig erscheint auch das Meer – mit fernen Inseln und chimärenhaftem Wesen aus dessen dunkler, unbekannter Tiefe.
Und fast immer sind Frauen dargestellt, oft in leicht verwundbarer Nacktheit, als Objekt kollektiver Begierde einer Männerschaft, die als Insignien ihrer Macht und Größe, auf blanken Schädeln Kronen oder Mitras tragen, denen deutlich anzusehen ist, dass sie geschwollenen Hahnenkämmen bzw. gierigen Fischmäulern nachgebildet sind und ebenso gut auch Narrenkappen sein könnten.
Ihr Einverständnis voraussetzend, möchte ich in Anbetracht der schon weit fortgeschrittenen Zeit zum Schluss nur exemplarisch auf die Ingredienzien der Schifferschen Malrezeptur eingehen und zwar anhand des Bildes, welches den Titel „ Die Sanduhr“ trägt. Dieses Bild ziert auch das Ausstellungsplakat und enthält viele der typischen Merkmale, welche die unverwechselbare Besonderheit seiner subtil psychologisierenden Darstellungsweise kennzeichnen.
In den Vordergrund dieses Bildes hat der Maler eine weibliche Figur von anmutender Gestalt und Schönheit gestellt, die – wie zur Bildsäule erstarrt – für einen kurzen Augenblick innehält und den Betrachter aus der Blüte ihrer Jahre unverwandt ansieht. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand liegt auf dem Rand einer Sanduhr, die hier, wohl in Anlehnung an ihren alten Namen, als doppelkelchiges Stundenglas wiedergegeben ist und noch etwa bis zur Hälfte mit goldfarbenem Sand gefüllt ist: – Zeit ist kostbar! Alles was achtlos davon vertan oder ungenutzt verrinnt ist unwiederbringlich verloren. Die andere Hälfte der Sanduhr, die uns genauere Auskunft über das Wieviel oder das Wiewenig geben könnte, ist durch den unteren Bildrand bewusst halb abgeschnitten, hier beginnt für den Maler das unendliche Nichts.
Die Sanduhr, von der man sagt, dass sie eine chinesische Erfindung sei, galt schon in der taoistischen Glaubensphilosophie als Sinnbild der menschlichen Lebenszeit, weil sie auf 3fache Weise deren Vergänglichkeit sichtbar macht: In der oberen Hälfte – wie viel man noch hat, im Hinunterrieseln – wie schnell sie vergeht und in der unteren Hälfte – wie viel schon vorüber ist.
Die florale Musterung des Kleides lässt dezent die Rundungen eines wohlgeformten Frauenkörpers sichtbar werden. Das silberfarbene Amulett, welches an einer dünnen, leicht zerreißbaren Schnur vom Hals der Figur herabhängt und die Form einer spiralartig zusammengerollten Vogelschlange bzw. Drachengestalt hat, ist eines jener doppeldeutigen Fabelwesen aus der Vorstellungswelt des Künstlers. Es soll sowohl Schutz verheißen als auch eine deutliche Drohung sein und die verwundbarste Stelle ihrer Brust bewachen.
Solange man das Gesicht dieser Frau auch betrachten mag – es bleibt einem unergründlich fremd. Es scheint wie zu einer Maske erstarrt und verrät mit keiner Regung, welches Geheimnis sich dahinter verbirgt. Die sinnlichen Lippen ihres Mundes sind zu einem festen Schweigen verschlossen: – vielleicht aus Scham, sich zu verraten? – oder aus Furcht, jemanden zu verletzen?
Wer weiß …
Allein die Vögel, die dem schützenden Nest ihrer üppigen Frisur zu entfliehen scheinen, deuten auf innere Schwingungen eines unbestimmten Seelenzustandes. – Sind es vielleicht verlorene Illusionen, Hoffnungen oder Träume? – Oder sind es Sendboten geheimer Wünsche, Sehnsüchte und Gedanken, die in die Freiheit der Phantasie enteilen? Viele Vermutungen sind möglich…
Die Gestalt hinter ihr, der Mann mit der Maske vor dem Gesicht und dem Menschenfresserfisch auf dem Arm ist Freund Hein, der ihr wie eine allgegenwärtige Angst drohend im Nacken sitzt.
Dahinter ist das Meer: – ein tiefes dunkles Meer bei Windstille, auf dem sich das fahle Licht eines kleinen weißen Mondes spiegelt, der wie eine ferne Erinnerung am sternenlosen Nachthimmel steht.
Und obwohl dieses Meer vollkommen glatt und ruhig zu sein scheint, wirkt es dennoch unheimlich und unüberwindbar, so dass die ferne Felseninsel, die steil und hoch wie ein Dom über den weiten Horizont ragt, unerreichbar erscheint. – Außer vielleicht für die Vögel in ihrem Haar...
Fassen wir noch einmal zusammen: – Ein Bild, eine Figur, eine Sanduhr, – eine Hand, ein Amulett, ein Gesicht, – Vögel, der Tod, das Meer, – eine ferne Insel, ein unbekannter Seelenzustand, ein flüchtiger Augenblick, – nur eine Momentaufnahme und doch ein Ewigkeitsbild menschlichen Seins und Schweigens.
Meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihr geduldiges Zuhören. Vielen Dank auch unseren Flötistinnen, die uns zum Schluss noch ein Menuett von Esprit – Philippe Chedeville vorgetragen haben.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Betrachten der schönen Bilder und rate Ihnen, dabei zu bedenken, dass der Künstler nie mehr verrät, als unbedingt nötig – doch stets so viel wie möglich verschweigt. Suchen Sie also nach dem, was in den Bildern verborgen liegt.
Franz Tiedtke
Skulpturen und Bilder
Unter dem Titel „Funde aus der Zukunft“ zeigt der 1943 in Frankfurt am Main geborene Hans Achim Mehler Skulpturen und Bilder bzw. Funktionsmodelle und bildhafte Darstellungen zu seiner fiktiv-absurden „Geschichte der W“. In diesem modernen Märchen aus der Zukunft um 50 000 nach unserer Zeitrechnung versucht eine degenerierte Restmenschheit mit skurrilen Flugapparaten, die denen von Leonardo da Vinci nicht ganz unähnlich sehen, von der verwüsteten Erde auf ein anderes Himmelsgestirn zu entkommen.
Zur Eröffnung der Ausstellung am 23.Juli um 16.00 Uhr sind daher nicht nur Kunstinteressierte, sondern auch alle Märchenfreunde und Hobbyastronauten sehr herzlich eingeladen.
Funde aus der Zukunft
50 000 nach Christus hatte sich alles verändert.
Die für sie dachten, alles wussten, waren nicht mehr.
Aber das Schlimmste war, niemand konnte sich wirklich erinnern an die alte Welt.
Lediglich ein leises bruchstückhaftes Ahnen der früheren Zusammenhänge ergriff mitunter die Überlebenden.
Nichts war mehr wie es einst war.
Es gab lückenhafte Überlieferungen einer lebenswerten, bunten Welt, die einst in voller Blüte gestanden hatte. Geblieben war nach der großen Veränderung nur noch eine graue, verwüstete Erde, eingehüllt von einer dunklen, vergifteten Atmosphäre. Es waren wenige Millionen, die überlebt hatten. Sie wollten weitermachen. Aber das, was einmal Denken bedeutete, gelang ihnen nicht mehr.
Sie konnten nicht verstehen.
Deshalb folgten sie denjenigen unter ihnen, die am wenigsten zerbrochen waren. Jenen gelang es immer wieder einmal, sich deutlicher an Teile des alten Wissens zu erinnern. Es waren auch jene, die sich vorstellen konnten, dass es vielleicht eine Möglichkeit gäbe zu entkommen.
Jene waren ihre Hoffnung.
Und eben jene hatten schließlich eine Eingebung, wie sie ähnlich vor Urzeiten schon im ältesten Buch der Welt niedergeschrieben war: Noah und seine Arche. Denn alle wussten, sie mussten sehr bald diesen Planeten verlassen um nicht gänzlich unterzugehen.
Sie hatten keine andere Chance.
Ihr Plan entsprang dem Wissen der Alten um die Kunst des Fliegens. Sie erinnerten sich dunkel an den Flug der Vögel, die Kraft der Schwingen, die Beschleunigung des Fluges entgegen der Erdanziehung. Sie konnten es noch fühlen: Fliegen war von jeher ein alter Traum von Freiheit und versprach Rettung vor allem irdischen Elend.
Aber sie ahnten auch die Vergeblichkeit.
Umso mehr machten sie sich daran RaumArchen zu bauen, groß genug für alle. Diese RaumArchen sollten den Weg in eine bessere Zukunft finden. In Erfüllung dieses Planes fanden sich alle in großer Gemeinschaft zusammen, da sie sonst nichts mehr hatten auf der Erde.
Sie nannten diese Archen W.
Es war nur folgerichtig, dass die Archen den früheren Vögeln ähnelten. Riesige Vogelköpfe auf bis zu zwei Kilometer hohen Körpern wurden mit Flügeln versehen, um in den Weltenraum fliegen zu können. Sie waren den zerstörten Türmen gleich, in denen sie gewohnt hatten. Gewaltige Feuerstrahlen sollten wie ein Raketenantrieb wirken, Rollen sollten den Start auf der gekrümmten Erdoberfläche ermöglichen. Der Abwurf von Ballast sollte die RaumArche emporschnellen lassen.
Aber zuerst war das Feuer.
So zogen sie aus, auf der verwüsteten Erde Baumaterial zu suchen. Sie fanden viel Vertrautes wie Holz und Metallreste und viel Unverständliches aus der alten Zeit. Nach den Plänen des Anführers entstand der erste W:
Ein 1800 Meter hoher Vogelkörper, Platz genug für die ersten 800 000 Passagiere, im Kopf die Apparaturen. Er sollte einen Raketenantrieb haben.
Und so sammelten sie Brennmaterial.
Es dauerte dreißig Jahre bis diese erste RaumArche fertiggestellt war. Es war ihre einzige Chance zu entkommen. Sie stiegen ein und entzündeten das riesige Feuer.
Sie bemerkten nicht, dass sie ihre Zukunft dabei verbrannten!
Es ist eine begrüßenswerte Eigenart des Menschen nicht aufzugeben, und so entstanden in der Zukunft nach dem ersten missglückten Versuch eine ganz Reihe weiterer RaumArchen in unterschiedlichsten Ausführungen, aber immer dem Prinzip des Vogels folgend.
Anhand von Funden aus der Zukunft, Bruchstücken, Einzelteilen, Überresten, wird hier der Versuch unternommen, mit Modellen und Skulpturen, Zeichnungen und Bildern die riesigen RaumArchen so authentisch wie möglich in einem übersichtlichen Maßstab nachzubilden.
Hans Achim Mehler, Wolfert
Fotografien
Im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit als Berichterstatter zwischen Rur und Erft hat der Fotograf und Journalist Walter Schmühl ein ebenso umfangreiches wie außergewöhnliches fotografisches Werk von mehreren zigtausend Aufnahmen geschaffen, welches das Zeitgeschehen unserer Region der letzten 30 Jahre auf beeindruckende Weise widerspiegelt.
Wenn auch die hier gezeigte Auswahl aus Platzgründen sehr klein gehalten werden musste und nur einen Bruchteil dessen wiedergeben kann was sich heute, in Pergamenthüllen und nach Jahrgängen geordnet, wohlverwahrt in seinem Archiv befindet, so vermitteln diese Aufnahmen dennoch einen höchst interessanten Einblick in die Sichtweise eines Fotografen, der mit professionellem Sachverstand, geschultem sicheren Auge und subtiler Beobachtungsgabe das wesentliche der Dinge festgehalten hat.
Auf den annähernd 70 Schwarzweißfotos dieser Ausstellung lässt Walter Schmühl noch einmal jene Ereignisse und Personen Revue passieren, die einmal Schlagzeilen machten und die Gemüter bewegten, oder auch nur am Rande des Geschehens in Erscheinung traten und beinah übersehen worden wären. Ein einmaliges und höchst bedeutsames zeitgeschichtliches Dokument insbesondere für diejenigen – wohl die meisten von uns –, die diese Epoche aus eigener Anschauung kennen, sie also selbst miterlebt und mitgestaltet haben, sei es als Handelnde, Betroffene oder nur als stille Beobachter.
Alle hier gezeigten Fotografien sind ausschließlich bei der täglichen Routinearbeit Walter Schmühls als Lokalreporter entstanden. Das bedeutet Arbeit im Minutentakt. Wetter, Licht, Uhrzeit – das alles spielt keine Rolle. Ein Ereignis, ein Termin, eine Idee – schon müssen Text und Foto sitzen. Erscheinungstermin ist der nächste Morgen in aller Herrgottsfrühe. Das sind die äußeren Bedingungen für einen Zeitungsfotografen. Eine ganz besondere Herausforderung also und keine Schönwetterfotografie mit beliebig oft wiederholbaren Versuchen.
Wie leicht haben es da doch seine Kollegen, die in den Metropolen der Welt ihren Job machen, wo atemberaubende Kulissen und Szenen oft schon das halbe Bild ausmachen und ein gewieftes Publikum sich wirkungsvoll in Szene zu setzen versteht.
Sein Arbeitsplatz hingegen ist die Provinz zwischen Eifel und Vorgebirge, die Kreisstadt Düren und die Dörfer mit ihren eher bescheidenen Menschen und oft steifbeinigen Protagonisten, die den Ton angeben und sich jeglichen Inszenierungsversuchen seitens des Fotografen hartnäckig widersetzen. Und viele Anlässe geben fotografisch auch nicht so viel her, andere wiederum verlangen nach respektvoller Zurückhaltung und Diskretion.
Angesichts dessen ist die fotografische Leistung von Walter Schmühl, wie sie sich in den Bildern dieser Ausstellung darstellt, um so höher zu bewerten und zu bewundern. Auch wenn alles so leicht und einfach aussieht, beinah so als ob es gar nichts Besonderes wäre, solche Aufnahmen zu machen, so bleibt doch festzuhalten, dass bekanntlich nichts so schwer ist wie das was so leicht aussieht.
Dies gilt wohl in ganz besonderer Weise für die lokale Zeitungsfotografie, die in der Banalität des Alltäglichen ihre Motive suchen muss. Unter solchen Bedingungen gute d.h. aussagestarke Fotos zu machen, die dem Zeitungsleser einen unmittelbaren und wirklichkeitsnahen Eindruck der Ereignisse vermitteln, ist wohl eine der schwierigsten Aufgabenstellungen des Fotografierens überhaupt.
Diese Kunst zu beherrschen, genauer gesagt sie wiederholbar zu beherrschen, setzt außer umfassenden theoretischen Grundlagen und einem hohen Maß an praktischer Erfahrung, vor allem das Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen der Fotografie voraus. Zugegeben: auch Zufall und Glück führen zuweilen zu recht passablen Ergebnissen, aber auf einem so unverlässlichen Fundament kann ein Zeitungsfotograf nicht bauen, jedenfalls nicht dauerhaft. Doch dank natürlicher Begabung, solider handwerklicher Ausbildung und nicht zuletzt aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung ist Walter Schmühl ein versierter Meister, der die Finessen des Fotografierens in ganz besonderer Weise beherrscht und in ihren Möglichkeiten zu nutzen versteht.
Seine Art zu fotografieren fällt auf, spricht an, sagt aus, regt an, und so nimmt es nicht Wunder, dass er für seine Reportageserie „Die Rur - von der Quelle bis zur Mündung“ im Jahre 1984 zusammen mit Daniel Salber mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet wurde. Seine Fotografie ist also nicht nur aus lokaler Sicht von besonderem Interesse sonder liefert darüber hinaus ein anerkanntes Beispiel für gutgemachte fotojournalistische Berichterstattung in der Tageszeitung.
Da wir gegenwärtig in der Fotografie so etwas wie eine Zeitenwende erleben, wo das Foto durch Digitalisierung in jederlei Hinsicht manipulierbar geworden ist und damit seine einstige Glaubwürdigkeit weitgehend eingebüßt hat, noch der Hinweis darauf, dass die hier gezeigten Fotos ausnahmslos noch auf analogem Wege entstanden sind. Aufgrund ihrer Authentizität und Wirklichkeitstreue zählen sie also zu jenen „schwarz auf weißen“ Dokumenten, deren Beweiskraft selbst noch vor Gericht von Bestand wäre.
Auch die Entwicklung der Fotos im altbewährten 3-Schalen-System in der Dunkelkammer wurde von Walter Schmühl selbst erledigt. Sie sind also noch nach guter alter handwerklicher Tradition gefertigt, getreu dem Grundsatz: Nicht die Kamera, sondern der Fotograf selbst macht das Bild.
Den Experten unter Ihnen sei auch noch gesagt, dass sie allesamt mit einer manuellen Kleinbildkamera ohne elektronische Steuerungshilfen aufgenommen wurden, und zwar mit der Spiegelreflex FM 2 von Nikon, die auch heute noch als einzige ihres Typs gebaut wird. Herr Schmühl ist gerne bereit, Ihnen hierzu weitere Detailfragen zu beantworten.
Zum Schluss noch die Antwort darauf, wie alles angefangen hat: Man kann sagen, Zeit seines Lebens hat die Fotografie eine große Faszination auf Walter Schmühl ausgeübt. Schon als Kleinkind interessierte er sich für Fotos und im zarten Alter von gerade mal 10 Jahren zog er bereits mit einer Agfa-Box durch seinen Heimatort Nideggen und fotografierte alles, was ihm über den Weg lief. In der Fotodrogerie von Walter Esser – so etwas gab es früher mal – heute ist dort die Galerie Veith – ließ er seine Schwarzweißfilme entwickeln und Abzüge im Format 6X9 anfertigen.
Bei seinen Schulkameraden, die lieber Fußball spielten, trug ihm diese Neigung bald den Spitznamen „Reporter“ ein, was durchaus nicht als Kompliment gemeint war. Dass daraus einmal sein Beruf werden sollte, ahnte vor 50 Jahren niemand, er selbst auch nicht.
Nach dem Besuch der Volksschule in Nideggen und dem Stiftischen Gymnasium in Düren – wie hätte es auch anders kommen können! – eine Lehre bei Foto Bayer in Düren, gibt´s heute auch nicht mehr.
1968 startete Walter Schmühl seine Karriere als Fotojournalist, zunächst als freier Mitarbeiter bei der Kölnischen Rundschau. So kam zum Fotografieren sehr bald das Schreiben, was sich, wie wir heute wissen sehr gut ergänzte.
Danach Wechsel zum Kölner Stadtanzeiger, wo er 10 Jahre als Redakteur vorwiegend westlich von Köln, also der Gegend von Frechen, Bergheim, Kerpen mit Kamera und Notizblock unterwegs war.
Ab 1982 bei der Redaktion der Dürener Zeitung, wo er als Leiter der Lokalredaktion begann und bis heute tätig und natürlich auch immer mit der Kamera unterwegs ist. So entstand eine Vielzahl von Fotoreportagen, davon wir hier und heute noch einmal eine kleine Auswahl zu Gesicht bekommen.
Franz Tiedtke
Texttafeln mit biografischen Daten und digitale Reprints
Details finden Sie unter Kalltalgemeinschaft