
HöhenArt Hürtgenwald zeigt die Ausstellung „Die Moderne auf Papier“ in Simonskall. Graphiken sind handsigniert.
VON HEIKE EISENMENGER
Simonskall. Alice aus dem Wunderland trifft man in diesen Tagen im Junkerhaus in Simonskall. Genauer gesagt: Der Besucher steht einem Bild gegenüber. Thema der Grafik von Corneille(Guillaume Cornelis van Beverloo) ist die Märchenwelt, in der die kleine Alice die „Grinsekatze“ und andere Phantasiegestalten trifft. In seiner Vorstellung ist die Märchenwelt, in die Alice eintaucht, bunt: Darum hat Corneille kräftige Farben wie Blau, Rot, Grün und Gelb verwendet. Auffallend ist auch die Symbolsprache, man sieht einen Vogel, der über eine Blume fliegt. „Alice im Wunderland“ ist eines von 35 Werken namhafter Graphiker des 20. Jahrhunderts. Der Titel der Ausstellung, die am Sonntag in Simonskall eröffnet wurde und noch bis zum 6. September andauert, lautet: „Die Moderne auf Papier – Leihgaben aus der graphischen Sammlung Peter Gast.“ Die Exponate verteilen sich auf zwei Etagen im Junkerhaus und sind alle handsigniert. Es sind die großen Namen, die bei dieser Ausstellung zu finden sind. Namen wie Joseph Beuys, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmitt-Rotluff und HAP Grieshaber. Sie haben sich um eine Kunstrichtung verdient gemacht haben, die in der Nazi-Zeit als „entartet“ bezeichnet wurde. In einigen Fällen bedeutete dieses fatale Urteil den Tod der Künstler – sie wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Die Grafiken, die im Junkerhaus die Wände zieren, sind sehr unterschiedlich. Einige sind sehr abstrakt, andere figürlich. „Die Moderne ist ein unglaublich weites Feld“, stellte Franz Tiedtke, Vorsitzender des Vereins „HöhenArt Hürtgenwald“,klar. „Das Wort ‚Moderne’ stammt aus dem Französischen und steht zunächst für das gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende neue Lebensgefühl. Es beschreibt aber auch die Stilentwicklungen der Kunst des 20. Jahrhunderts“, erklärte Tiedtke den Gästen der Vernissage. In der Moderne selbst werde zwischen der Klassischen Moderne (bis etwa bis zur Jahrhundertmitte), der Postmoderne (bis um die Jahrhundertwende) und der Zeitgenössischen Moderne (bis zur Gegenwart) unterschieden, führte Tiedtke in seiner Einführung weiter aus. „Genauer auf die Moderne einzugehen, würde jeden Rahmen sprengen“, betonte er. Die Geburtsstunde der Moderne ist mit Tag, Monat und Jahr nicht festzumachen. „Sie beginnt vielmehr mit der geistigen Befreiung und materiellen Unabhängigkeit durch die aufkommende Industrialisierung. Der Mensch entwickelt ein neues Selbstverständnis“, beschrieb es der Vorsitzende in seiner Einführung weiter. In der Konsequenz entstand ein neues Weltbild, das die Künstler auf ihre Art interpretierten – die Moderne war geboren. Die Ausstellung könne zwar nicht den Anspruch erheben, repräsentativ zu sein, „aber mit 35 Werken hochrangiger Vertreter der Kunst der Moderne vermittelt sie einen authentischen Eindruck sowohl von dem, was ihre Neu- und Andersartigkeit ausmacht, als auch was ihre faszinierende Ästhetik anbetrifft“, verdeutlichte Tiedtke, der den Besuchern des Junkerhauses rät, sich beim Betrachten der Bilder auf ihr Bauchgefühl einzulassen. Man soll das Werk auf sich wirken lassen, ohne sich zunächst Gedanken über den H intergrund oder Stilrichtung zu machen. Ein junger Besucher hat diesen Rat beherzigt. In krakliger Kinderhandschrift steht im Gästebuch geschrieben: „Ich bin Alexander, acht Jare alt und find die Belder tol.“ Das sind Sätze, die Tiedtke begeistern. Die Kunst wirken lassen und sich an ihr erfreuen – darum geht es ihm. Und wer sich intensiv mit ihrer Entstehung beschäftigen will, der könne dies auch tun, aber es sei keine Grundvoraussetzung, um Kunst zu genießen. In dieser Geisteshaltung schaute sich auch Christa Neujoks aus Düren die Ausstellung an. Ihr Fazit ist durchweg positiv: „Man muss diese Bilder einfach auf sich wirken lassen. Ich bin das erste Mal hier und bin total begeistert“, versicherte die 59-Jährige und betrachtete dabei ein Bild des Künstlers Josef Albers. Es zeigt die Aussicht aus einem Fenster mit Blick in den blauen Himmel. Gleich daneben ist ein kleines Fenster, auf dessen Sims jemand ein Gurkenglas mit frischen Wiesenblumen abgestellt hat. Gerade in Kombination mit dem Fensterbild ist das ein Arrangement, das Herz und Augen erfreut. Es sind eben manchmal die kleinen Dinge, die Großes im Menschen bewirken.
Die Ausstellung „Die Moderne auf Papier – Leihgaben aus der graphischen Sammlung Peter Gast“ ist noch bis zum 6. September im Junkerhaus Simonskall zu sehen. Öffnungszeiten sind sonntags und feiertags von 12 bis 18 Uhr. Mittwochs und samstags hält das Junkerhaus von 15 bis 18 Uhr seine Pforten geöffnet.